[Siebentes Capitel.]
In Cachavi.
In Cachavi herrschte große Aufregung, und Niemand dachte heute an's Arbeiten. Die Männer mußten nämlich einen wichtigen Fall berathen, über den indeß die Frauen schon lange einig waren, und — während sich die Ehegatten in dem breiten Gerichtsgebäude sammelten, überall auf den Straßen in kleinen Gruppen standen.
Die Sache betraf aber auch in der That nichts Geringeres, als die Flucht José's von seinem weißen Herrn, und die Ermordung des Mulatten, denn Eva wie José hatten bei ihrer Ankunft in Cachavi dem Alkalden die ganzen Vorgänge treu und einfach erzählt, und um seinen Schutz gebeten, wenn sie bis hierher verfolgt werden sollten.
Der Fall kam übrigens zu einer höchst ungünstigen Zeit, denn erst gestern war ein Canoe von der Tolamündung eingetroffen, wo sie Nachricht von Esmeraldas gehabt haben wollten, daß General Franco von Guajaquil aufgebrochen wäre, Bodegas genommen hätte, und jetzt gegen Quito marschire, um sich das ganze Land zu unterwerfen. Wenn er Sieger blieb — und die Berichte, die seine Anhänger hierher gesandt, ließen kaum einen Zweifel darüber — so schickte er einen Theil seiner Schwärme auch jedenfalls in diesen entlegenen Theil des Landes, und was hatten sie dann zu hoffen, wenn sie gegen einen seiner eigenen Offiziere Partei genommen?
Die Frauen sind in der ganzen Welt über solche Combinationen erhaben. Bei ihnen spricht das Herz das erste Wort, und nur der Augenblick entscheidet ihre Handlungen. Die Frauen deshalb waren auch fest entschlossen, den armen jungen Burschen nicht wieder auszuliefern, und was Eva betraf — ei! den hätten sie sehen wollen, der ihr in ihrer eigenen Vaterstadt ein Leides that, und daß sie dem pockennarbigen Mulatten einen Lanzenstich versetzt — der hatte den Strick verdient, zehnmal und hundertmal, und war ja schon einmal bei Nacht und Nebel von Cachavi in einem gestohlenen Canoe geflüchtet, um der gerechten Strafe für seine Missethaten zu entgehen.
In dem Gerichtssaal tagten indeß die Männer, und eine wunderliche Versammlung war es, der der Alkalde präsidirte. Aber kein Mulatte fand sich unter ihnen, lauter ächte, rabenschwarze Söhne Aethiopiens, wenn auch wohl Alle auf diesem Grund und Boden geboren, saßen, lagen und standen in dem Raum umher und rauchten ihre Papiercigarre. Sie Alle, ohne Ausnahme, waren nackt bis auf den Gürtel, und selbst das dichte, fest zusammengekräußte Wollenhaar verschmähte einen Hut.
Eva und José waren erst diesen Morgen vernommen worden, und Keiner der hier Anwesenden zweifelte, daß sie mit jedem Wort Wahrheit gesprochen. Der Alkalde selber hatte ja auch das Geld für Eva in Verwahrung gehabt, und ihr es erst vor wenigen Tagen ausgehändigt. Er wußte genau, wie viel es gewesen, und was sie damit gewollt.
Der Alkalde, eine schlanke, muskulöse Gestalt, mit schon grauem Wollkopf und etwas Cavalièrem in seinem ganzen Wesen, wie denn überhaupt die freien Neger — selbst in den Sklavenländern die Sklaven, wenn sie sich am Sonntag ihre eigenen Herren wissen — sehr gern die Bewegungen und Manieren der Weißen nachahmen, hatte den Leuten jetzt eine lange Rede gehalten, worin er beide Seiten der Frage beleuchtete, und seine Zuhörer dadurch in völliger Ungewißheit ließ, zu welcher Seite er sich eigentlich schlug, und welche Meinung sie haben sollten. Es war dabei schmählich warm geworden; die Sonne stand im Zenith, und kein Lüftchen regte sich, das die Temperatur hätte nur in etwas abkühlen können.
Ein kleiner dicker Neger, in Cachavi sehr geachtet, weil er die besten und festesten Dächer flechten konnte, nahm da endlich das Wort und sagte: