»Was zerbrechen wir uns denn den Kopf über ungelegte Eier. Das Wettermädel hat dem schuftigen Nero eine Lanze in den Leib gerannt, weil er den José mit der Macheta todtschlagen wollte — soweit ist Alles in Ordnung. Wenn wir uns hier im Walde nicht selber helfen, wer soll es sonst thun? und daß sie dem schurkischen Mulatten einen Denkzettel gegeben, oder ihn auch meinetwegen todt gestochen hat, ist nur ein Gewinn für die Colonie. — Daß aber der José ein Recht hatte wegzugehen, wenn sein Jahresgeld bezahlt worden, das mein' ich, ist außer aller Frage, und wenn ihn der Señor zurückhaben will, mag er einfach herkommen und beweisen, daß er ihm noch etwas schuldig ist. Nachher kommen wir wieder zusammen, was sollen wir uns jetzt bei der Hitze abquälen.«
Der Vorschlag klang viel zu vernünftig, als daß ihm nicht alle Uebrigen hätten beistimmen sollen. Der Alkalde schüttelte zwar mit dem Kopf; im Grunde genommen war's ihm aber vielleicht auch recht, die Sache vor der Hand auf sich beruhen zu lassen; alle diese Menschen leben ja doch nur dem Augenblick. Die Sitzung war also damit geschlossen, und die Frauen erfuhren wenige Minuten später zu ihrer Genugthuung, daß José und Eva vor der Hand in Cachavi bleiben könnten. — Wenn noch etwas in der Sache geschehen solle, so möchten's die Herren in Concepcion anfangen. Sie wollten weiter nichts damit zu thun haben.
So vergingen zwei Tage, ohne daß man etwas von dem unteren Strom gehört hätte, und den Bewohnern von Cachavi lag auch jetzt eine andere Sache am Herzen. Die schon lange von Ibarra erwarteten Indianer, welche neue Waare bringen sollten, waren nämlich immer noch nicht eingetroffen, und allerlei dumpfe Gerüchte und Vermuthungen durchliefen die kleine Stadt. Waren sie verunglückt? — böse Ströme hatten sie unterwegs zu passiren — oder sollte sich der Krieg schon bis dort in die entlegene Provinz Imbaburru gezogen haben, daß sie dem Feinde in die Hände gefallen? Es wäre ein harter Schlag für das kleine Städtchen gewesen, denn viele der Einwohner würden unter dem Verlust gelitten haben.
Man beschloß endlich, ihnen einen Boten entgegen zu senden — oder vielmehr zwei, denn ein Einzelner würde nie den Wald auf irgend eine Entfernung betreten — um sich Gewißheit zu verschaffen, und zwei der Männer wurden gemiethet, und noch an dem nämlichen Tage in die Wildniß hinein gesandt, die Cachavi vom Malbucho auf reichlich vier Tagereisen trennte.
An demselben Nachmittag langte aber eine andere Kunde an, die ihr Interesse wieder an das Schicksal der beiden jungen Leute fesselte.
In Concepcion war nämlich der Weiße mit Nero's Leiche und dem anderen Mulatten eingetroffen, und hatte die Auslieferung seines Dieners und der Mörderin verlangt, und der Alkalde von Concepcion sandte jetzt einen Boten nach Cachavi, um die beiden Verbrecher mit einer dort beizugebenden Wache überliefert zu bekommen.
Der Bote kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Der Alkalde hielt es nach der neulich zusammenberufenen Versammlung nicht einmal für nöthig, auf's Neue bei den Einwohnern anzufragen — oder seine Frau entschied vielmehr für ihn, denn sie fertigte den Boten, einen Gerichtsdiener von Concepcion, gleich so energisch ab, und auf ihr Schreien sammelten sich rasch so viele dunkle, drohende Gestalten, daß der arme Teufel froh war, wie er wieder in seinem Canoe saß, und ungeschädigt das Negerdorf im Rücken hatte.
Das war nun allerdings ein ganz entschiedener Akt der Widersetzlichkeit gegen die bestehende Autorität gewesen, und der Alkalde selber hätte vielleicht gewünscht, seine eigene Ehehälfte etwas weniger leidenschaftlich dabei zu sehen, aber die Sache war einmal geschehen, und ließ sich nicht mehr ändern, und da das ganze Dorf der Abfertigung beistimmte, brauchte er auch die Verantwortung nicht allein zu tragen.
Herrschte denn überhaupt in Ecuador ein gesetzlicher Zustand? — war das Land nicht in Aufruhr und offenem Bürgerkrieg begriffen, und wußte denn irgend Einer von Allen — in Cachavi sowohl wie in Concepcion — wer jetzt Präsident im Lande sei — und wenn er es sei, wie lange? War es Franco noch, dann allerdings hatte der Alkalde von Concepcion den Schutz desselben, um sich den Rücken zu decken, und konnte in dem Fall auch wohl eine Rechtsverletzung in seinem Sinne strafen, falls Franco's Truppen in der That das Land besetzten, oder der Mulattengeneral Geld genug schickte, um Soldaten hier für ihn anzuwerben — war das aber nicht der Fall, so hätte es ihm schwer werden sollen, sich von der Negercolonie Gehorsam zu erzwingen, und den Zeitpunkt konnten sie eben ruhig abwarten.
Wer aber dadurch in die grimmigste Verlegenheit gerieth, war der Alkalde von Concepcion. Dieser Señor Cerro, der hier als Franco'scher Offizier auftrat, verlangte, wie er erklärte, nicht mehr als sein Recht, und da er selber von Franco'schen Behörden in seine Stelle eingesetzt worden, konnte er das nicht gut vernachlässigen, ohne die Franco'sche Regierung auf den Fuß zu treten. Jetzt aber weigerten ihm die verwünschten Neger da oben ganz direkt den Gehorsam, und was blieb ihm da anders übrig, als seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen? Der mußten sie sich ja dann auch fügen, oder offene Rebellion erklären, was derartige Leute aber nicht sogleich thaten, da die Negeremancipation, wie sie von der einen Regierung eingesetzt worden, von einer andern auch eben so leicht wieder umgestoßen werden konnte.