Merkwürdiger Aberglauben, den die Leute haben, nicht wahr? — Und machen wir civilisirten Christen es etwa besser, haben wir nicht eine Menge von Dingen, die andere Völkerschaften für ebenso unhaltbar und thöricht halten, wie wir jenen Gebrauch? Es ist und bleibt dieselbe Geschichte, und wir wollen nur nicht selber eingestehen, das wir Alle Balken im Auge tragen.

Thöricht ist der Gebrauch aber schon aus dem Grund, weil die Leute mit dem Stück vom Herzen den Muth des Tigers gewinnen wollen; es giebt nämlich auf der Welt keine, zwar blutgierigere, aber auch feigere Bestie, als gerade den Tiger. Er reißt Menschen nieder, ja, aber nur, wenn er sie aus dem Hinterhalt überfallen kann, nie und nimmer offen und Gesicht in Gesicht. Heimlich schleicht er herbei und liegt auf der Lauer, um irgend ein Stück Wild oder auch vielleicht ein Rind zu erbeuten, aber schon das Geräusch des nahenden Menschen schreckt ihn empor und treibt ihn in die Flucht, und wenn man in Java wirklich von Menschen hört, die er überfallen hat, so sind es fast immer nur Frauen und Kinder, an die er sich gewagt.

Schon seine ganze Jagd beweist, wie wenig Muth er besitzt, denn er muß getrieben und umstellt werden, ehe man ihn zum Schuß bekommen kann, und nur schwer verwundet oder in der Verzweiflung sich überlistet zu sehen, nimmt er, wenn er nicht länger fliehen kann, den Kampf an, und dann freilich ist er ein gefährlicher Gegner, ja vielleicht der gefährlichste von allen wilden Bestien, weil seine Gewandtheit seiner furchtbaren Kraft gleich kommt.

Es ist vorgekommen, daß ein Tiger eins der kleinen Javanischen Pferde aus einer fünf Fuß hohen Umzäunung geraubt hat, ohne den Zaun zu durchbrechen, und er muß es, wenn er nicht damit hinüber gesprungen ist, doch wenigstens hinübergehoben haben, wozu kaum vier Menschen im Stande gewesen wären — und draußen trug er es im Rachen fort. Aber Märchen sind es auch wieder, wenn man behauptet, daß ein einziger Schlag seiner Tatze einen Büffel betäube und zu Boden werfe. Nur wenn er ihm auf den Nacken springen kann, ist der einzelne Büffel verloren, und den dortigen bantings oder wilden Rindern mit ihren spitzen Hörnern, die sich stets in Trupps halten, soll er scheu aus dem Wege gehen, und nur wo das ungestraft geschehen kann, auf ein Kalb fahnden.

Es giebt in Java viel Tiger, und man findet sogar in den Walddistrikten hie und da sogenannte »todte Kampongs«, die von den Bewohnern der vielen Tiger wegen früher verlassen und deren Stätten von der gewaltigen Vegetation schon lange überwuchert wurden, so daß nur die früher dort gepflanzten Cocos- und Arecapalmen die Stellen bezeichnen, auf denen sie gestanden. Und doch wird von dem Jäger nur in höchst seltenen Fällen, und dann selbst nur durch Zufall, ein Tiger im Wald angetroffen und erlegt, denn der Tiger hält eben nicht Stand. Nur in Gruben wird er gefangen, oder hie und da benutzt auch wohl ein Europäer ein von der Bestie zerrissenes und aufgefundenes Stück, um Nachts dabei anzusitzen und sie auf dem Anstand zu erlegen. Alle von den Eingeborenen erbeuteten Felle müssen dabei an die Regierung eingeliefert werden und der Eigenthümer bekommt dafür eine vom Staat festgesetzte Prämie von früher fünfzehn jetzt zwanzig Gulden.

Der Tiger spielt aber, trotz seiner Feigheit, bei den Javanen eine große Rolle und besonders seinen Krallen — außer der Wirkung, die das frisch verzehrte Herz ausüben soll — trauen sie noch eine besondere Kraft zu, oft sehr zum Aerger der Europäer, die sich dort angekaufte oder sonst gewonnene Felle gern vollständig erhalten wollen. Die Eingeborenen stehlen nämlich diese Krallen, wo sie ihrer nur irgend habhaft werden können, und auch an dem Fell, das ich an jenem Tag abstreifte und zum Trocknen in die Sonne hing, fehlten sie schon an dem nämlichen Abend sämmtlich.


[Negerleben.]