Am nächsten Morgen nahm ich deßhalb meine Büchse und ging zu dem Käfig, oder Kasten, der mitten auf einem offenen Platz, etwa vierzig Schritt von den Häusern der malayischen Diener entfernt, und zwischen diesen und den Wohngebäuden stand. Der Kasten war gar nicht von starker Art und nur aus etwa 4 Zoll starken Stäben von Arenpalmen-Holz gemacht. Dieses Holz eignet sich aber vortrefflich dazu wilde, störrische Bestien zu halten, denn erstens ist es zäh, und dann splittert es, wenn diese hineinbeißen wollen, und sticht sie in das Zahnfleisch, so daß sie selten mehr als einen oder zwei Versuche machen, ihr Gefängniß zu durchbrechen.

Die Malayen selber waren aber sehr froh, als sie hörten daß der Tiger getödtet werden sollte, denn ihrer Behauptung nach hatte er die letzte Nacht so furchtbar gewüthet und an seinem Käfig gerüttelt, daß sie gefürchtet zu haben schienen, er würde sich wirklich frei machen, und dann ihnen zuerst einen Besuch abstatten, ehe er sich in seinen Wald zurückzog. — Der Tiger mußte jetzt übrigens den Zorn und die Ungeduld, die er die Nacht gefühlt, überwunden haben, denn er lag lang ausgestreckt und ruhig in seinem Käfig und leckte seine Tatzen mit der stachligen Zunge.

Es war noch ein junges, vielleicht zweijähriges Thier, schlank und geschmeidig, mit glattem, wundervoll gezeichnetem Fell. Wie ich aber auf ihn zu und dicht an seinen Käfig trat, hörte er mit Lecken auf, duckte sich womöglich noch dichter auf den Boden nieder, legte die Ohren zurück, fletschte die Zähne und knurrte leise und tief, wie ein ärgerlicher Hund. So lag er eine lange Weile — seine Augen waren ordentlich grün geworden und leuchteten unheimlich, und wie ich einen Arm nach seinem Käfig ausstreckte, als ob ich ihn berühren wollte, fuhr er plötzlich mit einem wilden Satz und weit geöffnetem Rachen gegen die Stäbe an. Aber er biß, von früher her wahrscheinlich gewitzigt, nicht hinein, sondern schien sich damit zu begnügen, mir nur anzuzeigen, daß ihm meine Gegenwart unbequem sei.

Einige zwanzig Arbeiter vom Platz hatten sich indessen ziemlich dicht um den Käfig versammelt, und nur die Frauen wichen scheu zurück, als das gereizte Thier empor fuhr. Der Tiger aber, wie damit zufrieden gestellt, daß er uns seinen Muth und seine Kampfbegier gezeigt, war wieder in seine alte Stellung zurückgefallen, und nur der tückische Blick blieb mir seitwärts zugewandt, als ob er in mir seinen schlimmsten Feind ahnte. Wäre er frei gewesen, so bin ich auch fest überzeugt, daß er mich, vor allen Anderen, angenommen hätte. — So freilich mußte er sich das vergehen lassen; der kleine aber starke Käfig hielt ihn sicher genug.

Der Kasten war in der That kaum breit genug, daß das so geschmeidige Thier im Stande schien sich darin umzudrehen, und er lag jetzt mit dem Gesicht nach vorn und den Rücken der schmalen Thür zugedreht, die mit einem hölzernen Zapfen verschlossen gehalten wurde, vollkommen bequem zu einem sicheren Schuß.

Da ich ihn noch abstreifen wollte, ehe es zu heiß wurde, zögerte ich auch nicht lange, und ließ die Malayen von der anderen Seite zurücktreten, weil ich nicht wußte, ob meine Spitzkugel, die ich damals noch führte — ich bin auf der Jagd aber vollkommen davon zurück gekommen — nicht doch vielleicht durch den Schädel schlagen und auf der anderen Seite noch Unheil anrichten konnte. Die neugierigen Burschen waren aber kaum fern zu halten, so wollten sie alle, ganz in der Nähe, den Tod des Raubthiers betrachten, und wie ich nur wenigstens vor der Kugel freien Raum hatte, trat ich dicht an den Käfig, hielt dem Raubthier die Mündung des Büchsenlaufs vor das Ohr und drückte ab.

Der Tiger zuckte nicht einmal zusammen; der halb und tückisch nach mir gehobene Kopf fiel auf seine Tatzen nieder, und die Malayen sprangen jetzt zu ihm heran. Wie ich selber aber nun den Schuß gefeuert hatte, gab ich mein Gewehr dem Nächsten zum Halten, trat hinten an den Kasten, zog den Pflock heraus und öffnete die kleine Thür. Das aber hatten die Malayen nicht gedacht. Auf den Tiger war allerdings ein Schuß gefallen, aber daß er todt sei und keinem Menschen auf der Welt mehr schaden könne, wußte ich nur allein, die Malayen schienen wenigstens von einem so raschen und nicht von der geringsten Bewegung begleiteten Tod noch keineswegs überzeugt, und kaum hatte ich die Klappe geöffnet, ja wie ich nur den Pflock herauszog, stoben sie alle in wilder Flucht und mit lautem Geschrei auseinander und ihren Hütten zu.

Es war ein höchst komischer Anblick, und vergebens mein Rufen, daß der Tiger todt und unschädlich sei. Erst als ich mich nicht weiter um sie kümmerte und den Tiger beim Schwanz ergriff, aus dem Käfig zog und anfing ihn abzustreifen, kamen sie wieder schüchtern näher und lachten nun selber, in ihrer gutmüthigen Weise, über ihre Furcht. Keiner aber legte mit Hand an, und sie ließen mich meine Arbeit ganz allein vollenden. Erst als ich die Haut vollkommen herunter hatte und mir nun von Einigen dünne Bambusstäbe bringen ließ, um sie auszuspannen und dann in der Sonne rasch zu trocknen, machten sich ein paar von ihnen daran den Körper aufzuschlitzen.

Im Anfang wußte ich allerdings nicht, zu welchem Zweck das geschah, denn daß sie das Fleisch des Tigers nicht essen, hatte ich schon oft bestätigen hören. Sie nahmen aber auch nur das Herz des Raubthiers heraus, das sie in kleine Stücke schnitten und unter einander vertheilten. Wie ich ihnen noch erstaunt zusah, verschluckten auch ein paar von ihnen ihren Antheil gleich roh an Ort und Stelle, und nur mein letzter Führer auf der Rhinocerosjagd, ein Bursche, der auch nicht einen Funken von Courage besaß und bei dem Ausreißen vorher der Schnellfüßigste gewesen, verschwand mit seinem Stück und kehrte erst nach einigen Minuten ohne dasselbe zurück.

Er sollte mir jetzt erklären, was dieser Gebrauch bedeute, denn zum Sattessen hatten sie das Fleisch keinesfalls genossen, dazu waren die Bissen zu klein gewesen. Er kam dann endlich, wenn auch etwas verschämt, mit dem Bekenntniß heraus, daß die Javanen, wenn sie ein Stück von dem Herzen des Tigers verzehren, auch einen Theil von dessen Muth bekämen. Rasch setzte er aber hinzu, daß er nichts davon gegessen habe, das solle ich nicht glauben — und dabei saß ihm das frische Blut noch in den Mundwinkeln.