»Was ist?« fragte Herr Phlippeau, sich rasch im Wagen aufrichtend. —
»Tau, Tuwan!« sagte der Bursche mit seinem singenden Ton und achselzuckend — aber wir sollten nicht lange darüber in Zweifel bleiben, denn kaum waren die Thiere, wenn auch noch schnaubend und blasend, wieder dazu gebracht worden anzuziehen, als plötzlich das laute, donnerähnliche Gebrüll eines Tigers an unser Ohr schlug und die Pferde jetzt so wild und erschreckt zurückfuhren und in die Höh' bäumten, daß uns nur eben Zeit blieb aus dem Wagen zu springen und ihnen in die Zügel zu fallen.
Es gelang auch endlich sie wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie still standen, aber an ein Weiterfahren war vor der Hand nicht zu denken, da sie sich alle im Geschirr verwickelt hatten, und ehe wir das in der Dunkelheit lösen und in Ordnung bringen konnten, ertönte ein neues Brüllen der verwünschten Bestie, worauf sie es ärger als zuvor trieben. Der eine kleine Hengst besonders begann so furchtbar hinten auszukeilen, daß der malayische Kutscher gar nicht mehr in seine Nähe wollte; ebensowenig war dieser aber zu bewegen, nach dem kaum zweihundert Schritt entfernten Kampong zurück zu laufen und Hülfe von dort herbeizuholen, denn bis jetzt hatten wir alle Hände voll zu thun die Pferde zu verhindern, daß sie nicht den Wagen seitwärts vom Weg abschoben und zertrümmerten.
Herr Phlippeau redete dabei heftig und ärgerlich in malayisch auf ihn ein; da er aber sehr rasch sprach, verstand ich nicht, was er sagte, und halb lachend, halb fluchend wandte er sich endlich gegen mich und rief:
»Jetzt fürchtet sich der Esel vor dem Tiger, den er selber jeden Morgen füttert.«
»Dem Tiger?« —
»Allerdings; ich habe ihn ja neben meinem eigenen Haus in einem Käfig. Das ist aber schon das zweite Mal, daß es mir die Bestie so macht, und ich muß sie todtschießen, denn die Pferde wollen mir Nachts gar nicht mehr in die Nähe der Häuser und scheuen schon, wenn der Wind nur von dort herüberweht und ihnen die Witterung zuträgt.«
Es gelang uns endlich die Pferde los und frei zu machen, daß der Wagen wenigstens nicht mehr gefährdet war, und ich sprang jetzt selber nach dem Kampong hinüber, um ein paar der dortigen Einwohner herbeizurufen, damit sie die Pferde einzeln führen konnten. Wir selber wollten natürlich viel lieber die kurze Strecke nach dem Hause zu gehen, als daß wir uns noch einmal der Arbeit mit den scheuen Thieren unterzogen.
Der Tiger schien sich beruhigt zu haben, kaum aber hatten die herbei gerufenen Malayen die Thiere gefaßt, als das Gebrüll von neuem begann und die kleinen Hengste toller als je zu schnauben und auszuschlagen begannen. Das aber war jetzt der Malayen Sache, mit ihnen fertig zu werden, wir selber schritten rasch auf dem breiten, gut gehaltenen Weg den Häusern zu, und erfuhren am andern Morgen, daß die Eingeborenen wirklich gestern Abend noch mehrere Stunden gebraucht hatten, um die erschreckten Pferde in ihre Umzäunung zu bringen.
Herr Phlippeau war aber fest entschlossen die unbequeme Bestie, die ihm denselben Streich schon einmal gespielt hatte, als er vor einigen Tagen mit seiner Frau zurück nach Hause wollte, abzuschaffen, was eben nicht anders geschehen konnte, als sie todt zu schießen. Der Transport nach Batavia hinab, wo er den Tiger hätte gut genug an eines der heimkehrenden Schiffe verkaufen können, war zu lang und unbequem, auch kostspielig, und ich selber wurde zum Executor bestimmt.