Señor Ramos mußte — wenn die Vermuthung der Leute von Tomaco richtig war — ein sehr reicher Mann sein, denn er arbeitete nicht allein Nichts — das thaten sehr Viele in Tomaco — er verkaufte auch Nichts, und bezahlte Alles, was er brauchte — wenn das auch nicht viel war — baar und in blankem Silber. Er verließ auch sein Haus nur sehr selten, schrieb aber dort fleißig, und nur, wenn der englische Dampfer kam, fuhr er mit dem Capitän an Bord zurück, blieb dort, bis das kleine Fahrzeug wieder zu arbeiten anfing, und kehrte nachher in seinem eigenen Canoe, das sein Neger ruderte, an Land und in sein Haus zurück.
Er war, wie man recht gut wußte, ein Feind Mosquera's und ein getreuer Anhänger der Regierung von Panama, denn er hatte, als er hierher zog, kein Hehl daraus gemacht. Trotzdem kaufte er sich weder bei Señor Renard eine von dessen alten Musketen, noch exercirte er mit in der Sonne am Strand, und als ihn der Postmeister direct dazu aufforderte, sich an der Nationalvertheidigung zu betheiligen, meinte er, er könne schon exerciren, und wenn es wirklich zum Kampf käme, würde er neben dem Postmeister fechten, — eine Sache, die der Postmeister — allerdings aber nur im Stillen — für sehr unwahrscheinlich fand, denn er selber war noch gar nicht mit sich einig, ob er es soweit würde kommen lassen.
[Zweites Capitel.]
Die erste Crinoline.
Jetzt herrschte wieder Ruhe auf Tomaco. Fünf Tage waren vergangen, seit Capitän King von der Anna die Nachricht gebracht hatte, daß die Mosqueraflotte unterwegs sei. Sie fand aber durch Nichts eine Bestätigung, im Gegentheil war sogar eben ein Canoe von Irapiche eingelaufen, das Gummi geladen hatte, und dafür Aguaardiente mitnehmen wollte, und dessen Leute aussagten, an der ganzen nördlichen Küste wisse man Nichts von einem Einbruch der Mosquera-Truppen. Bonaventura sollten sie allerdings besetzt haben, von dort aber seien die Schiffe wieder nach Norden gegangen, um zuerst Panama zu nehmen, und dadurch die Regierung des ganzen Landes in die Hand zu bekommen.
Der leichte, sorglose Sinn der Bevölkerung verlangte nicht mehr, denn schon die gehabte Aufregung war ihnen unbequem gewesen. Die Fischer schaukelten schon lange wieder draußen in ihren Canoes, während die Landeigenthümer hinaus in ihre Platanare gingen, um die schweren Fruchttrauben derselben an den Strand zu tragen, oder hinauf in die Cocospalmen zu steigen, um die erst halbreifen, aber mit erquickendem Wasser gefüllten Früchte abzupflücken und mit einer geschickten Schwingung der Hand so hinabzuwerfen, daß sie sich in der Luft drehten und dann mit ihrer Spitze in den Sand fielen. Schlugen sie breit auf, so platzten sie leicht durch ihr Gewicht, denn die Nuß ist so mit Milch angefüllt, daß diese herausspritzt, sowie man nur mit einem Messer hineinsticht.
In dem kleinen Städtchen herrschte wieder ganz das alte Leben. Nur die Frauen waren in einer etwas ungewöhnlichen Bewegung, denn »Señor Renard« hatte mit dem Dampfer von Panama einen Gegenstand bekommen und eben ausgepackt, der ihr Interesse wunderbar fesselte, und zu den lebhaftesten Debatten Veranlassung gab.
Der Gegenstand war in der That von großer Wichtigkeit, nämlich nichts Geringeres als — eine Crinoline, und zwar die erste, die in diesem entlegenen Theil der Welt je gesehen worden.
In einem Ort, wo es so viel müßige Leute gab, wie in Tomaco, verstand es sich von selbst, daß die wenigen Kaufleute beim Auspacken ihrer eben angekommenen Waaren immer eine Menge von Zuschauern hatten. Es lag das ja auch mit in ihrem eigenen Interesse, denn es machte eine Ankündigung derselben unnöthig, sobald das schöne Geschlecht Stück für Stück derselben in Augenschein nahm, und dann sicherlich schon an dem nämlichen Abend Stück für Stück einzeln besprach und kritisirte. Selbst schon beim Auspacken wurde manches Stück verkauft, denn darin bleiben sich die Menschen überall in der ganzen Welt gleich, ob sie nun in einer braunen oder weißen Haut herumgehen: daß sie nämlich gern das Neueste haben und sich besonders bei der Auswahl solcher Dinge zu dem hingezogen fühlen, was ihnen aus fremden Ländern gebracht wird.