»Desto rascher kommen wir hinab,« lachte aber das tollkühne Ding, indem sie ihr Canoe mit starker Hand in den Strom hineinstieß, und selber nachsprang.

»Caramba, Eva,« rief ihr Bruder erschreckt, indem er sich mit beiden Armen an dem Rand des Canoe emporrichtete. — »Du willst doch nicht etwa fahren, wenn die Wasser kommen?«

»Und warum nicht?«

»Das ist Thorheit, Mädel!« schrie der Alkalde, indem er selber in die Fluth hineinsprang, um das Canoe noch zu erfassen und zurückzuziehen.

»Zu spät!« lachte aber Eva, indem sie ihr Ruder schon gegen die Steine gesetzt hatte, und das schlanke Boot mit scharfem Druck in den Strom hinaustrieb. — »Wir können ja auch Beide schwimmen, und schlägt das Canoe gar um, bringen wir's schon wieder in die Höh'. Adios, Señor, adios! Habt keine Sorge um uns. Ich weiß ein Ruder zu führen. Hei, da kommt die Woge! Jetzt, Tonio, liege still und rühre und rege Dich nicht. — Adios, Señor, auf Wiedersehen in Cachavi!«

Vom Strande nieder stürzten eine Masse schwarzer Gestalten nach dem Flußufer, um ihre dort angebundenen Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen, denn rasend schnell steigt oft das Wasser in diesem kleinen, den mächtigen Bergen entquellenden Strome. Unten im Thal ist vielleicht das schönste, sonnigste Wetter, und das Wasser des Cachavi selber, so klar wie Krystall, murmelt still dahin in der eingeengten Bahn. Aber weiter oben hat der Sturm seinen Tanz gehalten, und die Wolken haben ihre Sturzfluth über die Hänge entladen, an deren steilen Abdachungen nieder Bach an Bach in die Hauptader hinabspringt. Den Lehm aber wuschen sie mit, und nicht allmählig wächst der Fluß dann an, nein, so gewaltsam und mit einem Guß, wie ihm die Massen zugetheilt wurden, so wälzt er sie in einer hohen, lehmfarbenen Woge die Bahn entlang, und hinter dieser braust und kocht schäumend die Sturmfluth, nicht selten Felsblöcke aus ihrem Bett drängend und mit sich fort führend.

Sie kann auch nicht heimlich nahen. Schon von weitem hört man ihr dumpfes Brausen, und wie sie die Bäume schüttelt und Busch und Strauchwerk tief hineintaucht in ihre kochenden Wogen; wahrhaft unheimlich sieht es aus, wenn die hohe gelbe Welle sich überstürzend in den klaren Strom hineinpeitscht, und wenn sie, darüber hinrollend, die zurückgelassene Fluth in flüssigen Lehm verwandelt.

Der Fluß steigt in einem solchen Falle oft drei bis vier Fuß in wenigen Minuten und führt mit Pfeilesschnelle auf seiner Oberfläche dahin, was er sich losgespült. Indianer und Schwarze aber, die an seinem Ufer wohnen, flüchten, wenn sie sich gerade in ihren Canoes befinden, in wilder ängstlicher Eile an Land und ziehen ihre Fahrzeuge hinter sich her, bis sie dieselben in sicherer Entfernung von den rasenden Wassern wissen.

Nun wußte der alte Alkalde allerdings, daß ein Mensch, wenn er sein Ruder gut gebrauchen konnte, wohl im Stande wäre, die Mitte der Strömung zu halten, und aufkochende Wirbel zeigten immer schon voraus, wo ein vom Wasser kaum bedeckter Felsen ihm hätte Gefahr bringen können. Aber das schwache Mädchen — war sie im Stande, das Canoe zu steuern, und wenn ihr die Kraft gebrach — sie kannte die Gefahr gar nicht, von einer solchen Fluth erfaßt zu werden, gegen die keine Menschenkraft im Stande gewesen wäre anzuschwimmen. Wenn ihr Kopf gegen einen Felsen traf —

Aber zu spät kamen alle Warnungen und Zurufe; das tolle Mädchen wollte nicht hören, und hochaufgerichtet, das Ruder im Wasser haltend, das Antlitz aber der heranstürmenden gelben Woge zugewandt, um ihr mit voller, ungeschwächter Kraft entweichen zu können, stand sie da. Sie wußte, daß die Gefahr schon halb vorüber war, sobald sie nur die erste hohe Welle verhindert hatte ihr die Fluth in das Canoe zu werfen — jetzt kam sie heran — das Ruder setzte sie ein, daß es sich von dem Drucke bog — fort schnellte das Canoe, hinter ihr die gelbe drohende Masse — aber das Wasser, das so vorausdrängte, hob das Hintertheil des leichten Fahrzeugs, jetzt faßte es die Woge und drohte den Bug vorn in den Grund zu bohren, Tonio stieß einen Angstschrei aus, und hielt sich krampfhaft an dem Bootrand fest.