Eva sah, wie er nur zum Ufer herabkam, seine betrübte Miene und lachte ihn fröhlich an.

»Da, setz' Dich vorn hinein in's Canoe und mach' es Dir bequem, Tonio — ich brauche Dich heute nicht zum Rudern, denn der Fluß trägt uns allein schon rasch zu Thal.«

»Und hier ist Dein Geld, Mädel,« sagte der Alkalde, indem er der jungen Dirne den Beutel reichte, »verwahre es gut und laß es nicht in's Wasser fallen.«

»Ich bin ja doch kein Kind mehr, Señor,« sagte die Jungfrau, indem sich ein leises Erröthen über ihre dunklen Züge stahl, »seht — hier schlag' ich es fest in das Tuch, und wenn ich auch schwimmen müßte, so kann's nicht verloren gehen.«

Damit nahm sie sich ein seidenes, buntes, aber schon lange verblichenes Tuch, das ihr José einmal in früherer Zeit geschenkt, vom Hals, faltete das Geld hinein, verband die beiden Enden dicht mit im Canoe liegenden Bast und schlug es sich dann um die schlanke Hüfte. — »So — und noch einen Knoten, und nun dürft Ihr sicher sein, daß ich es nach Concepcion bringe.«

»Dann mit Gott, mein Kind,« sagte der alte Neger. »Du bist ein rechtschaffenes und braves Mädchen, und verdienst dereinst glücklich zu werden. Hast Du Deinen José aber befreit, dann bleibe nicht in Concepcion zwischen den vielen Weißen — sie hassen uns, wenn sie sich's auch nicht immer merken lassen. — Kommt herauf zu uns nach Cachavi — zu verdienen giebts hier immer, und daß Du an mir einen treuen Freund hast, weißt Du ja.«

»Dank Euch, Señor — Dank Euch recht vom Herzen — ich werde die freundlichen Worte nie vergessen, die Ihr zu der armen Waise gesprochen,« sagte die Jungfrau, — »und Gott nur weiß, wie bald wir Eure Hülfe in Anspruch nehmen müssen. Geht aber Alles gut, und bleibt José und ich gesund, dann hoff' ich, gründen wir uns auch unseren eigenen Heerd, ohne irgend Jemandem zur Last zu fallen. Wir sind Beide jung und kräftig und der Herr da oben wird ja weiter helfen. — Alles in Ordnung, Tonio?«

»Alles, Eva,« sagte der junge Bursch, der sich behaglich vorn in dem Canoe ausstreckte — »stoß ab, daß wir vielleicht in der Hitze ein Bischen in den Schatten fahren können.«

Das Mädchen trat, ohne ein Wort weiter zu sagen, aus dem Canoe hinaus in die klare Fluth, um das schwanke Fahrzeug von den letzten Steinen, auf denen es noch auflag, los zu heben, als ein scharfer, gellender Schrei vom oberen Theil des Stromes niederschallte, und rasch in dem Dorfe selber an mehreren Stellen beantwortet wurde.

»Halt, Mädel! Halt!« rief der alte Alkalde rasch und erschreckt — »die Wasser kommen. Hab' ich es mir doch fast gedacht, denn es donnerte tüchtig gegen Morgen, und oben in den Gebirgen ist ein starker Regen gefallen.«