»Oh wie soll ich Euch je dafür danken, Señor?«

»Danken? für was?« brummte der kleine Mann vor sich hin — »wenn ich Dir das Geld geben könnte, hättest Du Ursache dafür — so nicht — mach' nur, daß Du fort kommst.«

Eva ließ sich das nicht zweimal sagen, und flog die Straße hinab der Wohnung der »Señora Bastiano«, einer würdigen Negerdame, zu. Allerdings machte diese noch einige Schwierigkeiten, denn sie wollte morgen oder übermorgen selber nach dem Pailon hinüber fahren, um dort einige alte Freunde zu besuchen, da ihr aber das junge Mädchen fest versprach, bis spätestens übermorgen wieder zurück zu sein, ließ sie sich endlich erbitten, und kaum zwei Stunden später, nachdem Eva noch von José Abschied genommen, und seine Seele mit freudiger Hoffnung erfüllt hatte, saßen die beiden Geschwister, Eva und ihr Bruder Tonio, im Canoe, ruderten den Santiago hinab, bis zu der nächsten Landspitze und bogen dann in den Bogota ein, um hier ihre beschwerliche und ermüdende Fahrt gegen die Strömung zu beginnen.

Aber Eva kannte keine Ermüdung; der freundliche Italiener hatte die beiden Geschwister auch noch außerdem mit Mundvorrath versehen, daß sie nirgends anzulaufen brauchten. Frisches Wasser quoll ebenfalls um sie her, denn bis hierher reichte die Fluth des Meeres nicht, und rüstig und unverdrossen ruderten sie bis zu der Mündung des Cachavi, wo dann die Strömung des wohl kleineren, aber viel reißenderen Flusses so mächtig wurde, daß sie zu ihren Stangen greifen mußten. Aber unermüdlich arbeiteten sie vorwärts, die ganze Nacht hindurch und noch stand am nächsten Tage die Sonne hoch am Himmel, als sie das kleine Negerstädtchen, wo früher ihre Eltern gewohnt, erreichten.

Eva hatte hier keine Schwierigkeit, das ersparte Geld von dem Alkalden zu bekommen, denn diese Leute speculiren nicht mit den ihnen anvertrauten Capitalien. Das Geld hing wohlverwahrt in einem Beutel von weißem Baumwollenzeug an einer etwas versteckten Stelle unter dem Dach und war rasch herbeigeholt; aber der Alkalde, ein alter greiser Neger, der früher selber Sclave gewesen, und durch das Emancipationsgesetz befreit worden, hatte mehr von der Welt gesehen, als das junge Mädchen, und schien dem unerfahrenen Kinde nur ungern den mühsam genug verdienten und aufgespeicherten Schatz anzuvertrauen.

Er kannte die Leute, die sich caballeros nennen, durch und durch, und wäre am liebsten selber mit nach Concepcion hinab gefahren, um bei dem dortigen Alkalden die Sache in Ordnung zu bringen — aber es ging nicht. Seine Frau war wieder krank und eine Tochter lag am Fieber darnieder, und dann erwarteten sie jetzt auch mit jedem Tage die indianischen Träger von Ibarra, die ihnen eine Menge neuer Waaren bringen sollten, bei deren Verkauf er jedenfalls zugegen sein mußte. Kurz es ging eben nicht an, und er mußte das junge Mädchen ihrem Schicksal überlassen.

Diese wäre am liebsten auch gleich an dem nämlichen Abend wieder aufgebrochen, um auch nicht eine Stunde so werthvoller Zeit zu versäumen, aber ihr überdieß schwächlicher Bruder war durch die ungewohnte Anstrengung so erschöpft, daß er einer Nacht Schlaf nothwendig bedurfte. Der Alkalde selber litt ebenfalls nicht, daß sich das junge Mädchen so übermäßig anstrenge, sie mußte deshalb bei ihm übernachten, aber mit Tagesgrauen war sie wieder auf, röstete für sich und Tonio ein paar Bananen zu Frühstück und Mittagessen, und ging dann selber zu dem Canoe hinab, um dieses, das die Nacht über stets hoch an Land hinaufgezogen werden mußte, da der Fluß oft so plötzlich steigt, flott zu bekommen.

Ihr Bruder packte indessen oben die Bananen ein, und der alte Alkalde war selber mit zum Fluß gekommen, um nachzusehen, daß sie ihr Geld gut verwahre, und ihr Glück auf die Reise zu wünschen.

Dem jungen Mädchen war bei der Arbeit — das Canoe allein über das Geröll in's Wasser zu schieben — warm geworden, und sie hatte ihr leichtes Oberkleid ab und in's Canoe geworfen, der kurze dünne Kattunrock reichte ihr dabei kaum bis über's Knie. Aber ihr Gesicht strahlte vor Freude, denn heute noch — heute, konnte sie den Geliebten befreien, durfte ihn selber aus seinem dumpfen Kerker in die liebe Gottesnatur hinausführen, und das Herz hätte ihr fast zerspringen mögen vor Lust und Seligkeit.

Mit viel geringerem Eifer kam ihr Bruder, von dem Alkalden begleitet, zum Ufer herunter. Ihm wäre es weit lieber gewesen, wenn er hier oben, in seiner Vaterstadt, ein paar Rasttage hätte machen dürfen, und von der übermäßigen Anstrengung gestern thaten ihm außerdem noch die Arme weh.