Aber jetzt erforderte der Fluß auch wieder ihre volle Aufmerksamkeit, denn noch war er nicht hoch genug gestiegen, um die darin liegenden Stromschnellen völlig auszugleichen, und vor ihr lag eine Stelle, in der die gelbe Fluth gurgelte und zischte, und überall verrätherische, unter dem Wasser lauernde Felsen kündete.

»Setz' Dich, Eva,« bat Tonio, »wenn das Canoe einen Stein streift, fliegst Du hinaus und kannst Dir Schaden thun.«

»Wenn ich sitze, seh' ich die Felsen nicht,« entgegnete aber die wackere Bootführerin, »hab' keine Angst, Herz, ich führe Dich sicher hindurch. Ist es denn das erste Mal, daß ich durch solches Wasser steuere?«

Im nächsten Moment brodelte und schäumte die Fluth um den Bug und wie es die Wellen faßten, rieb der flache Boden ein paar Mal auf den glatten Steinen. Aber Eva hatte nicht zu viel versprochen, wenn sie dem Bruder versicherte, sie führe durch, was sie begonnen. Jetzt lag das Ruder zwischen ihren Füßen und mit einer leichten, aber zähen Stange, die sie aufgegriffen, lenkte sie den Lauf des Canoes so geschickt, daß es auch nicht ein einzig Mal die Seite den gefährlichen Stellen bot. Blitzesschnell aber schoß das leichte Fahrzeug in den aufgeregten Wassern seine Bahn dahin, und Secunden brauchten sie dazu, um Stellen zu passiren, gegen die sie gestern noch, mit Anspannung aller ihrer Kräfte halbe Stunden lang anarbeiten mußten.

Erst aber nur einmal eine einzige Legua zurückgelegt, und die Gefahr war vorüber; das Wasser fing an sich wieder zu beruhigen — es stieg wohl noch, aber nur langsam, und mit unermüdeter Kraft trieb Eva ihren Nachen weiter.

Nur ein einziges Mal landeten sie auch unterwegs, und zwar an einer Stelle, wo ein alter Neger, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, den Urwald gelichtet und einen Platanar angelegt hatte, und der Alte ließ sie nicht fort, ehe sie nicht einen Becher Chokolade bei ihm getrunken hatten. Aber dann ging es auch weiter, und Tonio mußte jetzt ebenfalls sein Ruder nehmen, um noch rascher das Ziel zu erreichen.

Am Cachavi selber trafen sie überhaupt wenig gelichtete Punkte — das tiefer gelegene Land war fruchtbarer, und als sie den ruhigern Bogota erreichten, schien es ordentlich, als ob sie die Wildniß hinter sich gelassen hätten. Noch mußten sie allerdings weite Strecken Wald passiren, aber dann lichtete sich dieser plötzlich, und die breitblätterigen Bananen schüttelten ihre edel geformten Wipfel bis dicht über die, steil unter ihnen abfallende Uferbank. Hochstämmige Cocospalmen ragten mit ihren gefiederten Kronen über die darunter versteckten Wohngebäude der Menschen, und Cacao- und Baumwollenpflanzungen bewiesen, daß auch der freie Neger, wo ihm zu seiner Entwicklung nur Raum gegeben wird, dem Boden mehr abzuringen weiß, als er zu seinem eigenen Bedarfe braucht.

Aber wenig genug beachtete das junge Mädchen diese Anfänge der Civilisation, diese Zeichen regen Fleißes, und nur dann und wann haftete ihr Blick hier und da auf einer freundlicher gelegenen Hütte, aus deren Schattenbäumen vielleicht eine Fülle goldiger Orangen hervorleuchtete, während zahmes Vieh am Ufer des Flusses weidete, denn so hatte sie sich ihre eigene Heimath oft und oft in stillen Stunden ausgemalt, und ein schwerer Seufzer hob dann wohl ihre Brust, wenn sie daran dachte, wie lange sie Beide — sie und ihr José, wohl noch hart und bitter arbeiten müßten, ehe sie das ersehnte Ziel erreicht. — Aber der Arm ruhte dabei auch keinen Augenblick — je näher sie der Mündung des Bogota in den Santiago kamen, desto schärfer griff sie aus, denn jede Viertelstunde, die sie hier versäumte, verlängerte ja auch die Kerkerhaft des Geliebten.

Endlich sah sie das breite, klare Wasser des schönen Stromes vor sich — um die Landzunge bog der Bug ihres Canoes, und dort voraus schimmerten wieder die weißen Häuser von Concepcion im Sonnenlicht.

Oh wie bog sich ihr Ruder gegen die Strömung des Santiago jetzt an, um die kurze Strecke dort hinüber zurückzulegen, und wie trieb sie den Bruder an, den sie bis jetzt so viel als möglich geschont, um sie in dieser letzten kurzen Fahrt zu unterstützen. Er theilte ihre Eile gar nicht, denn dort wartete nur wieder die Werkstatt des kleinen Italieners auf ihn, der er gar so gern noch eine kurze Zeit entgangen wäre — aber die Schwester ließ ihn nicht. Aus allen Kräften mußte er sich in's Ruder legen, und kaum berührte ihr Canoe den Sand, unterhalb der Stadt, als sie auch schon mit flüchtigem Satz an's Land sprang, Tonio die Sorge um das Canoe überlassend.