Kaum nahm sie sich dabei Zeit, ihr Oberkleid wieder umzuwerfen, so drängte es sie, dem Geliebten die Kunde seiner baldigen Freiheit zu bringen, und rasch hatte sie auch das Gefängniß erreicht, aber — ein eisiges Gefühl ergriff ihr Herz, als sie das niedere, unheimliche Gebäude schon von weitem erblickte, denn — die Thür stand offen. — Hatten ihn die Weißen frei gelassen, oder war er —
Ueber den Plan schlenderte der Schließer des Gebäudes, ein alter mürrischer Neger mit einem, von den Blattern ganz zerrissenen Gesicht. — Sie kannte ihn.
»Oh Pedro!« rief sie ihn mit zitternder Stimme an — »wo — wohin habt Ihr José gethan?«
»José?« antwortete der Alte mürrisch — »sein Herr ist mit ihm heute Morgen den Strom hinab gefahren. — Was weiß ich, wohin.«
[Viertes Capitel.]
Nach dem Pailon.
Eva's Herzblut stockte bei der furchtbaren Kunde. — So war alle Mühe und Aufopferung umsonst gewesen und José — der unglückliche José auf's Neue für sie verloren. Im ersten Augenblick stand sie auch wirklich regungslos und keines Gedankens fähig an derselben Stelle, nur von dem Gefühl ihres Unglücks, ihrer Verlassenheit erfüllt, und der alte Pedro war lange in den Schatten seiner eigenen Wohnung zurückgekehrt, ehe sie einen neuen Entschluß fassen konnte, was nun zu thun — wie zu handeln.
Rigoli — der kleine freundliche Weiße — er blieb jetzt ihre einzige Hoffnung, und wenige Minuten später stand sie in seiner Wohnung.
Der Italiener war allerdings auf's Aeußerste überrascht, sie schon wieder in Concepcion zu sehen, und wollte es kaum glauben, daß sie in der Zeit nach Cachavi hinauf und wieder zurückgerudert sein könne. Aber das mitgebrachte Geld, das sie ihm zeigte, ließ keinen Zweifel mehr, und Rigoli, der indessen den Gefangenen nicht aus den Augen verloren, erging sich nun erst für kurze Zeit in einer Reihe der lästerlichsten Verwünschungen gegen den schuftigen Guajaquilenen, jenen Francoschen Offizier, und gegen den Alkalden selber, der mit ihm jedenfalls unter einer Decke stecke. Eva, die ihn dabei mit keiner Sylbe unterbrach, erfuhr nun, daß er gestern noch einmal bei dem Alkalden gewesen sei, und dort einen heftigen Auftritt mit diesem gehabt habe, als er hörte, daß sich der angebliche Offizier zur Abreise bereit mache. Er verlangte, daß dieser die Rückkunft des abgesandten Boten erwarten solle, der abgegangen wäre um die Summe für den Loskauf des Gefangenen herbeizuholen — ja er erbot sich sogar selber Bürgschaft für die Zahlung des Geldes zu leisten — Alles aber vergebens. Der Guajaquilene behauptete, daß er seinen Diener jetzt gerade nothwendig brauche, da er an den Pailon hinüber und von dort durch den Wald wieder nach Concepcion zurückkehren wolle. Er wisse aber nicht, ob er dort sicher einen Träger bekommen könne. Wenn er zurückkehre und das Geld wirklich bezahlt werde, so ließe sich weiter über die Sache sprechen.
»Und kehrt der Weiße wirklich hierher zurück?«