Es hatte die Nacht über wieder gegossen, was vom Himmel herunter wollte — wie denn überhaupt in diesem Himmelsstrich und inmitten der weiten, waldbewachsenen Niederungen selten eine Nacht ohne Regen vorüber geht — aber jetzt, nachdem sie die Morgennebel niedergedrückt, stand die Sonne frei und klar am Himmel, und beleuchtete die wunderschöne Bai, und blitzte von den Millionen Regentropfen des Waldmeeres nieder.
Vor dem Canoe her strichen ein paar große braune Pelikane, und ein Fregattenvogel stand hoch, mit zitterndem Flügelschlage in blauer Luft, bis er sich einen Fisch zur Beute ersehen, auf den er dann wie ein Pfeil herunter schoß, tief unter Wasser tauchte, und wenige Momente später wieder mit tropfenden Schwingen ordentlich aus der Fluth emporschnellte, um seine Beute hoch in dem eigenen Element zu verzehren.
Bis hierher hatten sie die Ebbe günstig für sich gehabt, von da an aber kam sie aus dem Pailon heraus gegen sie an, und wenn sie auch schon ihre größte Kraft verloren, mußten die beiden Schwarzen nun doch tüchtig rudern, um gegen sie anzuarbeiten. Ein Beilegen in den Manglaren war unmöglich, denn dort hätten sie Mosquitos und eine kleine nichtswürdige Art von Stechfliegen, Jejen genannt, zu Tode gepeinigt, und Señora Bastiano kannte jene Stellen zu genau, um sich vom Ungeziefer mißhandeln zu lassen. Da mochten die Neger lieber schwitzen.
Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als sie San Lorenzo endlich erreichten — leider in voller Ebbe, wo das ganze Ufer von einem vielleicht vierzig Schritt breiten Schlammgürtel so vollständig eingefaßt war, daß an ein Landen gar nicht gedacht werden konnte. Die Neger sprangen allerdings über Bord, und schoben das Canoe so weit es nur möglicher Weise ging, auf den Schlamm hinauf und dem Ufer um etwa zehn Schritt näher — dann aber arbeitete ihnen das solide Gewicht der Señora so entschieden entgegen, daß sie es auch keinen Zoll breit weiter vorrücken konnten, und die Señora hatte jetzt die Wahl, bis zur wachsenden Fluth hier draußen sitzen zu bleiben — was immer noch vier volle Stunden dauern konnte, oder das allerdings nicht ganz würdevolle Entree nach San Lorenzo hinein zu wählen, und mit hochaufgeschürzten Röcken durch den etwa knietiefen Schlamm an Land zu waten.
Beides schien ihr gleich unangenehm, so entschloß sie sich denn endlich zu der kürzeren, wenn auch schmerzlicheren Procedur, zog ihre Schuhe aus, die sie Eva zu tragen gab, packte ihrer anderen Dienerin den Sonnenschirm und eine Anzahl anderer Kleinigkeiten mit einem Korb Backwerk auf, das sie den Kindern ihrer Freunde mitgebracht, und — stieg über Bord.
Es war allerdings ein höchst komischer Anblick, die alte würdige Dame in dieser Situation, und dabei mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt, durch den tiefen Schlamm waten zu sehen, und ein paar Fremde, die am Ufer standen, wollten sich auch halb todt darüber lachen — aber um so viel finsterere Falten zog das braune Gesicht der alten Dame, die ihre Kleider in der Angst, sie im Schlamm zu verunreinigen, noch weit höher aufnahm als eigentlich nöthig gewesen wäre. Aber muthig watete sie vorwärts, und hatte endlich die Genugthuung, eine kleine Quelle zu erreichen, die während der Ebbe in ein paar Steinlöchern frisches Wasser hielt, und wo sie im Stande war, sich von ihrem Mädchen die Füße waschen zu lassen.
Dort aber mußte sie noch immer eine Weile in der bisher behaupteten Stellung verharren, bis ihre Dienerin die ihr anvertrauten Sachen abgelegt hatte, und dann im Stande war, ihre Señora mit Hülfe eines Spahns erst von dem gröbsten Schlamm zu säubern, und dann reinzuwaschen. Erst jetzt durfte sie wagen, ihre Kleider fallen zu lassen, und ihre Schuhe anzulegen, um, wie es ihrem Stande zukam, in der Stadt zu erscheinen.
Darauf aber hatte Eva schon nicht mehr gewartet. Leicht und flüchtig, war sie nur wenig in den Schlamm eingesunken, und wie sie nur die Schuhe am Ufer auf einen trocknen Platz gestellt, eilte sie flüchtigen Laufes in die Stadt hinauf, um sich dort nur erst die Gewißheit zu holen, daß José in San Lorenzo angekommen sei und dort weile. Mehr verlangte sie ja nicht — in allem Uebrigen würde ihr die Señora Bastiano gewiß schon helfen.
Armes Kind, auch dieser Weg schien vergebens gewesen, denn gleich im nächsten Haus erfuhr sie, daß gestern allerdings ein »Señor Ecuadoriano,« der ihrer Beschreibung entsprach, mit einem Canoe und einem schwarzen Diener eingetroffen sei, und Verkehr mit den Fremden gehabt habe, dann aber, und zwar noch gestern Abend, oder jedenfalls heute Morgen vor Tagesanbruch zu Lande aufgebrochen sei, denn er habe das Canoe an die Fremden verkauft. Zu Lande konnte er aber keinen anderen Weg eingeschlagen haben, als die erst kürzlich durch die Wildniß ausgehauene »Trocha«.[C] Ob er auf der aber beabsichtige bis zum Bogota, und dann hinauf nach Quito zu gehen, oder ob er nach Concepcion zurückkehren wolle, wußte Niemand anzugeben.