»Ja mein Kind; die Señora Piedra würde es mir sehr übel nehmen, wenn ich vorbeiführe, ohne ihr einen guten Morgen zu sagen. — Es sind gar achtbare Leute die Piedras.«

Eva gehorchte seufzend, und eine volle Stunde ihrer kostbaren Zeit wurde damit verschwendet, daß sich ein paar alte Frauen leere Höflichkeiten sagten, und Chokolade dazu tranken.

Und das war nur der Anfang einer vollkommenen Kette von Besuchen gewesen, denn Señora Bastiano schien es mit einem höchst empfindlichen Gefühl von Schicklichkeit ganz unversöhnbar zu halten, daß sie auch nur ein einziges Haus vorbeifuhr, in welchem eine, selbst flüchtige Bekanntschaft wohnte. Und was für Zeit brauchte sie nicht allein zum Ein- und Aussteigen, und dem vorläufigen Anfragen im Hause, wohinauf immer erst einer der Ruderer mußte, um sich zu erkundigen, ob die »Señora« daheim und geneigt sei, den Besuch zu empfangen. Wie sie aber den vierten solcher Besuche gemacht und glücklich beendet hatten, trat die Fluth ein, in deren Bereich sie sich schon befanden, und um ihre Leute nicht unnöthig anzustrengen, wie auch den dringenden Anforderungen einer anderen dicken Mulattin nachgebend, dort zu übernachten, wurde das Boot noch am hellen lichten Tag an Land gezogen und Halt gemacht. Bei Nacht wäre Señora Bastiano überhaupt nicht gefahren — ihre Nerven vertrugen das nicht.

So versäumten sie die Ebbe, und mußten bis zur zweiten Ebbe warten, die erst um neun Uhr Morgens eintrat. Dann erst gingen sie wieder unterwegs, aber auch nur, um diese unglücklichen Besuche zu erneuern, mit denen wieder ein Theil der günstigen Zeit nutzlos vergeudet wurde.

Eva hätte blutige Thränen der Ungeduld weinen mögen, aber selbst ihre Bitten fruchteten Nichts bei der alten Dame.

»Kind, das verstehst Du nicht,« sagte sie leutselig, »wenn Du einmal älter bist, wirst Du auch einsehen, daß man Rücksichten im Leben zu nehmen hat, und daß wir uns selber damit ehren, wenn wir Anderen eine Ehre erweisen.«

Es blieb auch dabei, und als sie endlich die Gegend der Manglaren erreichten, wo die Ansiedelungen seltener wurden, und zuletzt ganz aufhörten, war es zum zweiten Male nöthig geworden, in dem letzten Hause zu übernachten.

Von da an nahmen die Visiten ein Ende; nur im Garcero sprach die Señora am nächsten Morgen noch einmal vor, traf aber glücklicher Weise Niemand zu Hause, da die Bewohner der Ansiedelung sämmtlich nach dem Pailon und San Lorenzo hinaufgefahren waren, und jetzt endlich faßten undurchdringliche Manglaren das sumpfige Ufer ein, Lagune schloß sich an Lagune und bildete Inseln und Küstenland, an dem zur Fluthzeit das Wasser in den Zweigen und wunderlichen Wurzelbildungen der Mongrove wusch, und zur Ebbezeit den von Millionen von Krabben bevölkerten Schlamm offen legte.

Bald fuhren sie auch in den breiten und tiefen Canal des Pailon ein, der in einem rechtwinkeligen Arm erst von dem nördlich gelegenen Ocean nach Süden hineinläuft, und hier von der Mündung der Tolita-Lagune direkt nach Osten einmündet. An dem Süd-Ufer dieses breiten Armes lag das kleine Fischerdorf San Lorenzo.