Als der Prinz das hörte, weinte er blutige Tränen. Als er wieder ruhig wurde, umarmten sie sich und liebten sich unbeschreiblich. Dann standen sie auf und gingen ins Schloß. Der Prinz rief die Mutter mit ihrer Tochter und sagte: „Ihr Verfluchten, ihr macht derartige Dinge?“ Dann schlug er sie, daß ihre Knochen kurz und klein geschlagen wurden. Ihre Seele verließ sie, ging in die Hölle, und sie selbst warf er den Hunden vor und sagte: „Gott sei Dank, bin ich jetzt vor diesen Teufeln sicher. Nun habe ich meine Kraft wieder.“ Dann rief er die eigentliche Mutter des Mädchens und die Frau des Karawanenführers und verheiratete sich mit dem Mädchen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. Danach ging er in der Nacht auf den Freitag ins Brautgemach, erlangte, was er wünschte, und gewährte, was verlangt wurde.

[[Inhalt]]

7. DIE GESCHICHTE VON DEM KUMMERVOGEL

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte ein gerechter Padischah eine Tochter. Diese Prinzessin lebte immer mit ihrer Lehrerin in Liebe zusammen. Eines Tages verfiel die Lehrerin in Nachdenken. Die Prinzessin sagte: „Frau Lehrerin, woran denkst du?“ Sie sagte: „Ich habe einen Kummer.“ „Aber, Frau Lehrerin, was ist ein Kummer für ein Ding. Kaufe mir doch einen.“ Da antwortete sie: „Jawohl, meine Prinzessin.“ Sie läßt sich von der Prinzessin fünf bis sechs Goldstücke geben, geht auf den Markt, kauft einen Kummervogel in einem Käfig und bringt ihn der Prinzessin mit den Worten: „Da, meine Prinzessin, das ist der Kummervogel.“

Die Prinzessin vergnügte sich Tag und Nacht mit dem Vogel. Nach einigen Tagen geht sie mit den Sklavinnen in [[66]]ihren Garten an den Teich und hängt den Vogel an einem Baume auf. Der Vogel fängt an zu sprechen und sagt: „Meine Prinzessin, laß mich ein wenig frei. Ich möchte mit den Vögeln die Umgebung ansehen, dann komme ich wieder.“ Die Prinzessin hielt das für richtig und läßt ihn frei. Der fliegt zu den anderen Vögeln. Während das Mädchen sich am Teich ergeht, kommt der Kummervogel nach zwei Stunden wieder, ergreift die Prinzessin und fliegt in die Luft. Nach einigen Stunden läßt er sie auf einem hohen Berge nieder und sagt: „Da hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch mehr derartigen Kummer bereiten.“ Damit fliegt er in die Luft.

Wir kommen nun zur Prinzessin. Sie war hungrig und hilflos auf den Bergen. Nach längerem Wandern findet sie einen Hirten. Sie sagt zu dem Hirten: „Gib mir deine Kleider. Ich werde dir die meinigen geben.“ Sogleich zieht der Hirte seine Kleider aus und gibt sie der Prinzessin. Die Prinzessin zieht sie an und geht weiter. Schließlich kommt sie an ein Kaffeehaus. Sie tritt ein und sagt: „Vater, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Kaffeewirt sagt: „Ich suche gerade solchen Lehrling“, und behält sie bei sich. Eines Tages sagt der Kaffeewirt zu ihr: „Heute Abend werde ich nach Hause gehen. Du kannst im Kaffeehaus schlafen und aufpassen, daß niemand etwas stiehlt.“ Mit diesen Ermahnungen geht er weg.

Am Abend schließt das Mädchen das Kaffeehaus, legt sich in eine Ecke und schläft ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles was an Nargileh und Tassen vorhanden ist. Dann kommt er zu ihr, weckt sie auf. Das Mädchen wacht auf und sieht, daß alles kurz und klein geschlagen ist. Der Vogel sagt: „Hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch weiteren Kummer bereiten.“ Damit fliegt er weg. Am Morgen dachte das Mädchen: „Was soll ich jetzt meinem Meister sagen?“ Währenddessen kommt der Wirt, sieht, — was soll er sehen — alle Dinge sind kurz und klein geschlagen, verprügelt das [[67]]Mädchen ordentlich, nimmt es bei dem Kragen und wirft es aus dem Kaffeehaus.

Das Mädchen geht weinend und kommt zu einem Schneiderladen. Da in diesen Tagen das Beiramfest war, hatte man aus dem Schloß Kleider bestellt. Die Schneider nähten und schnitten ununterbrochen zu. Das Mädchen geht zu den Meistern und sagt: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling annehmen?“ Die sagten: „Sehr wohl!“ Es ging in den Laden und setzte sich. Nach einigen Tagen geht ihr Meister nach Hause und das Mädchen bleibt im Laden. Um Mitternacht kommt der Vogel wieder und zerreißt alles, was an Kleidern im Laden ist. Dann weckt er das Mädchen auf. Als das Mädchen aufwacht, sieht es, daß alles, was an Kleidern vorhanden ist, zerrissen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch manchen Kummer machen.“ Dann fliegt er weg. Am Morgen kommt der Meister und sieht, daß alle aus dem Schloß bestellten Kleider und die noch nicht zugeschnittenen Stoffe zerrissen sind. Als er das sieht, schlägt er mit dem Kopf auf die Steine, und sagt: „Ach, nach so vieler Arbeit! Und soviele Tuchballen sind auch zerrissen.“ Dann verliert er die Besinnung, fällt ohnmächtig auf den Boden. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu sich, geht zornig auf den Lehrling und fragt: „Wer hat das zerschnitten?“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Er sagt sich: „Geld hat er nicht, damit ich es nehmen könnte. Soll ich ihm das Leben nehmen?“ Dann verprügelt er es ordentlich und jagt es aus dem Laden.

Während das Mädchen weinend dahin geht, kommt es an den Laden eines Kronleuchterhändlers und fragt: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der sagt: „Mach, daß du fortkommst, du grindiger Bursche. Was soll ich mit dir anfangen! Ich habe nicht genug, um für mich zu sorgen.“ Schließlich läßt er sich erweichen und nimmt ihn als Lehrling an. Eines Tages will sein Meister auf Hochzeit gehen und überläßt den Laden dem grindigen [[68]]Jungen und ermahnt ihn: „Paß ordentlich auf, daß nichts zerbrochen wird.“ Dann geht er weg. Als es Abend wird, schließt der grindige Junge den Laden und schläft in einer Ecke ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles, was an Kronleuchtern vorhanden ist, und weckt den grindigen Jungen auf. Als der aufsteht, sieht er, daß alles, was an Kronleuchtern im Laden vorhanden ist, zerbrochen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du den Kummer gesehen? Von der Art werde ich dir noch manchen Kummer bereiten.“ Dann fliegt er fort. Am Morgen öffnet der grindige Junge den Laden. Dann kommt sein Meister und sieht — was siehst du? —, alles was an Leuchtern im Laden vorhanden ist, ist zerbrochen. Vor Zorn war er nahe daran, sich aufzuhängen. Dann nimmt er einen Stock, verprügelt ordentlich den grindigen Jungen und wirft ihn aus dem Laden.

Das Mädchen denkt weinend: „In welchen Laden ich auch bis jetzt gekommen bin, soviel Schaden habe ich von dem Vogel gehabt und soviel Prügel habe ich bekommen. Jetzt will ich mich aufmachen und in die Berge gehen.“ Als sie einige Zeit herumgegangen ist, bleibt sie hungrig und durstig auf den Bergen und sieht, daß wilde und reißende Tiere in Menge dort sind. Dann steigt sie auf einen Baum und bleibt dort in der Nacht. Am Morgen als es dämmert, kommt der Sohn des Padischah dieses Landes der gerade auf Jagd gegangen war, und sieht den grindigen Jungen auf dem Baume. Er hält ihn für einen Vogel, zielt und schießt den Pfeil ab. Der Pfeil bleibt im Baum haften. Als er an den Baum kommt, sieht er, daß es ein Mensch ist. Der Prinz fürchtet sich und sagt: „Bist du ein Geist oder was sonst?“ Der grindige Junge sagt: „Ich bin kein Geist, ich bin ein Mensch.“ Schließlich nahm der Prinz ihn herab und brachte ihn ins Schloß. Nachdem er den grindigen Jungen im Bade hatte ausziehen und waschen lassen, ließ er ihm Frauenkleider anziehen. Sofort wird er ein Liebchen wie der Mond am vierzehnten, das in der Welt [[69]]nicht seinesgleichen hatte. Es erinnerte einen an die schönen Jünglinge im Paradiese.