Das Türkentum und die Stammesliebe verband sie beide so sehr, daß sie, obwohl sie nicht wußten, daß sie die gleichen Eltern hatten, sich nicht voneinander trennten. Sie ritten zusammen, lernten ihre Aufgaben zusammen und machten ihre Übungen zusammen.

Inzwischen war ein Jahr vergangen. Die beiden Lieblinge des Hofes waren siebzehn Jahr alt geworden. Jetzt war ihre Tapferkeit und ihre Geschicklichkeit im Reiten, im Waffengebrauch, im Bogenschießen ebenso berühmt wie ihre Schönheit geworden. Eines Tages wünschte ein Gesandter, der ins Abendland ging, zwei Helden, um seinen Palast zu schützen. Der Schah wollte seinen alten Gesandten erfreuen und gab ihm diese beiden Helden, die er am meisten liebte. Der Gesandte nahm diese beiden einander ähnlichen Helden, die der Schah ihm schenkte, an, brachte sie in seinen Palast und gab ihnen die Schlüssel zu seinem Harem. Er selbst stieg zu Pferde und ging auf seinen neuen Posten.


Torgud und Korkud wohnten seit drei Monaten als Wächter im Palast des persischen Gesandten. Der Sommer kam, die Nächte wurden kürzer und die Nachtigallen fingen an zu singen. Vor der Tür des Harems war ein mit eingelegter Perlmutterarbeit verzierter Vorraum. Bei Mondschein setzten sich die beiden dorthin, schauten in das silberne Wasser, das aus dem Springbrunnen eines gegenüberliegenden Beckens sprang, und in den Widerschein des Mondes darin und erzählten sich von diesem und jenem. Gerade über diesem Sitzplatze war ein vergitterter Balkon.

Wieder stieg der Mond empor, indem er die Wolken verscheuchte und tauchte alles in ein blaues Licht. Torgud und Korkud standen in den Geruch, der aus den Blumen emporstieg, und in das blaue Dunkel, das unter den Zweigen der Bäume herrschte, versunken.

Beide waren geborene Dichter. Die Muse der Inspiration erwachte in ihnen. Torgud sagte: [[166]]

„Einst glänzte mir des Lebens Sonnenschein.

Ich nannte Vater, Mutter, Bruder mein.

Die Mutter haben Perser mir gefangen.

Nicht weiß ich, wo der Vater hingegangen.