Der Papagei sagte: „Es wird berichtet, daß einst Abraham der Gedanke in den Sinn kam: ‚Wie können wohl die voneinander getrennten und verstreuten Gliedmaßen wieder vereinigt werden? Ach, Gott, zeige es mir, damit mein Herz ruhig sei!‘ Sofort kam von Gott, dem Herrn der Welten, die Antwort: ‚O Abraham, nimm vier Vögel, schneide ihnen die Köpfe ab, mische die Teile durcheinander, schütte sie ordentlich durcheinander und bringe sie in Unordnung. Danach mache aus den ungeordneten Gliedmaßen vier Teile, trage sie auf vier Berge und behalte die Köpfe davon bei dir. Dann sollst du ein Wunder erleben.‘ Abraham — Heil sei über ihm — tat, wie ihm befohlen. Sofort kamen die Vögel ohne Kopf zu Abraham und ihre zerstreuten Glieder hatten sich vereinigt und neues Leben erhalten, wie dies im heiligen Koran deutlich erzählt wird. Gott, der Allmächtige, kann die Toten wieder ins Leben rufen und alles, was er will, beleben. Auch mir hat er aus seiner Gnadenfülle heraus neues Leben geschenkt.“

Der indische Kaufmann sagte: „Was muß das für ein großer Gott sein, der Tote ins Leben rufen kann! Ist er etwa größer als unsere Götter?“ Der Papagei antwortete: „Ach, Herr, Eure Götzen sind aus Stein oder Holz gearbeitete, seelenlose Dinge, deren Schöpfer Gott, der Allmächtige, ist.“ [[185]]

Der indische Kaufmann sagte: „Ach, Papagei, tu mir den Gefallen und führe mich zu ihm.“ Der Papagei lehrte ihn die Worte des Glaubensbekenntnisses. Der indische Kaufmann wurde Muslim und sagte zum Papagei: „Ich weiß jetzt, daß Gott, der Allmächtige, die Toten auferwecken kann, aber was war der Grund, dich zu erwecken?“

Der Papagei sagte: „Ach, Herr, nachdem mich dies betroffen und ich gestorben war, wurde deine Gattin der Gegenstand einer Verleumdung, an die zu glauben dich ihre Feinde veranlaßten. Du wurdest zornig auf deine Gattin und brachtest sie in Unehre. Die arme Frau kam in den Götzentempel und betete dort. Da ihr unrecht geschehen war und sie schuldlos war, so wurde sie durch göttliche Leitung Muslimin. Hierdurch wurde sie froh, und ihr verwüstetes Herz fand wieder Frieden. Danach flehte sie zu Gott: ‚Ach, Gott, du kennst alle Geheimnisse und Heimlichkeiten, du weißt auch, wie es mir ergangen ist. Mein Gemahl hat dem Worte der Feinde geglaubt und mich in diese Lage gebracht. Auch der Papagei ist nicht mehr am Leben, der meine Unschuld bezeugen und meinen Gatten bewegen könnte, mich wieder anzunehmen. Ach, Gott, bei deiner Gnadenfülle flehe ich dich an, erwecke den Papagei wieder zum Leben.‘ Als sie so sprach, gab mir Gott, der Höchste, sofort durch den Segen der Reinheit deiner Frau neues Leben. Ich bezeuge also die Reinheit jener unschuldig Verfolgten. Kein Fremder hat ihr reines Gewand gesehen. Durch den Segen ihres Gebetes bin ich wieder lebendig und du Muslim geworden. Auf diese Weise sei überzeugt, daß deine Frau rein ist, ja du hast die deutlichsten und zwingendsten Beweise, daß sie eine Heilige ist.“

Der indische Kaufmann glaubte diesen Worten, ging sofort in den Tempel, küßte seiner Frau Hände und Gesicht, flehte sie um ihre Fürbitte und bat sie, ihm sein Vergehen zu verzeihen. Da lobte und pries die Frau den Verstand, die Klugheit, Weisheit und Treue des Papageien und bereute die unwürdige Behandlung, die sie ihm vorher zugefügt hatte. [[186]]

[[Inhalt]]

23. DIE GESCHICHTE VOM GOLDSCHMIED UND ZIMMERMANN

In den Geschichtsbüchern wird folgendes berichtet. In einer der Städte Azerbaidschans lebten ein Goldschmied und ein Zimmermann, die miteinander sehr befreundet waren. Nun kam es, daß in diesem Lande ihre Arbeit wenig begehrt wurde, ihr Verdienst in die Winde ging und sie in die äußerste Not gerieten. Sie kamen daher überein, daß sie beide das Land verlassen wollten und beschlossen, nach Rūm[33] zu wandern. An der Grenze von Rūm trafen sie eine große Kirche und ließen sich dort nieder. Sie sahen dort Götzenbilder, die die Ungläubigen verehrten. Da der Zimmermann in seinem Handwerk ein geschickter Meister war, so schnitzte er aus Holz Bilder nach Art der Götzen, und überall, wohin sie kamen, verkauften sie diese, und lebten davon. Sie hatten die Tracht der ungläubigen Geistlichen angenommen, aber in ihrem Innern waren sie dem wahren Glauben treu geblieben. Des Geschäftes wegen und um sich der Not zu erwehren, hatten sie die Kleider der Ungläubigen angezogen und die Tracht der ungläubigen Mönche und Asketen angenommen. Da sie tatsächlich die verschiedensten Wissenschaften verstanden, so predigten sie in den Ländern, durch die sie kamen, zu den Ungläubigen und ermahnten sie. Deswegen wurden sie sehr geehrt und geachtet. Sie wohnten meistenteils in den Kirchen und sahen die Götzenbilder aus Gold und Silber, deswegen regte sich in ihnen das Verlangen und sie sagten: „Ach, wenn wir doch bei Gelegenheit eins davon stehlen und so unsere Armut lindern und die Krankheit der Not heilen könnten!“ Sie durchzogen das ganze Land Rūm und kamen zu einer Kirche in der Umgegend von Konstantinopel. Einige Zeit beteten und fasteten sie darin nach den religiösen Gebräuchen der Ungläubigen und erteilten Rat und Ermahnung den Ungläubigen, so daß hoch und niedrig an sie glaubte, sich an ihrem Gebet erfreute und sich von ihnen bepusten ließ. Viele wurden ihre Schüler und hielten [[187]]ihre Fürbitte für nutzbringend und ihr Bepusten für gleichwertig mit dem wunderbaren Atem des Messias.[34]

Eines Tages gab der Kaiser ein großes Fest und lud das ganze Volk und alle Geistlichen dazu ein. Auch sie wurden besonders eingeladen. In ihrer Antwort sagten sie: „Wir wollen durch das Fest nicht unser Fasten unterbrechen und wollen während des Gottesdienstes nicht an weltlichen Genüssen teilnehmen. Wir dienen andauernd Gott und widmen unsere Zeit dem Gebete für das Glück des Kaisers.“ Die Geistlichen kamen, küßten ihnen die Hand und gingen zum Gastmahle des Kaisers. Die beiden blieben jenen Tag allein in der Kirche.

Nun war in jener Kirche ein großer Götze, aus reinem roten Golde gearbeitet. Auf den hatten die beiden Diebe es abgesehen. Als es Abend wurde und die Dunkelheit herrschte, nahmen sie den Götzen von seinem Platze, trugen ihn aus der Kirche, gruben an einer geeigneten, menschenleeren Stelle eine Grube und legten den Götzen hinein. Dann kamen sie wieder zurück, blieben jeder an seinem Orte und widmeten sich dem Gottesdienst und dem Fasten.