47. DIE SCHILDKRÖTE UND DER SKORPION

Eine Schildkröte und ein Skorpion hielten Freundschaft miteinander. Immer sprachen sie in Liebe und Eintracht, Aufrichtigkeit und Anhänglichkeit. Einst mußten sie notgedrungen ihre Heimat verlassen. Sie wanderten in Kameradschaft und Einmütigkeit an einen anderen sicheren Platz. Durch Gottes Fügung kam ihr Weg an einen großen Fluß, und sie planten ihn zu durchschreiten. Der Skorpion hatte Besorgnis, den Fluß zu überschreiten und war in Verlegenheit. Die Schildkröte sagte: „Lieber Freund, was ist die Veranlassung, daß du das Schiff des Nachdenkens auf den Fluß der Verlegenheit gesetzt hast, und was ist der Grund, daß du in das Meer der Sorge und des Kummers untergesunken bist?“ Der Skorpion erwiderte: „Bruder, der Gedanke, diesen Fluß zu überschreiten, hat mich in den Strudel der Aufregung geworfen. Es ist mir unmöglich, den Fluß zu überschreiten, noch kann ich die Glut des Feuers der Trennung (von dir) aushalten.“ Die Schildkröte sagte: „Sei nicht traurig, ich werde dich ohne weitere Unbequemlichkeiten auf meinem Rücken über dies Wasser bringen, meine Brust zum Ziele für den Pfeil deines Kummers machen und dich so aus dem Strudel ans Ufer bringen, denn man sagt: ‚Es ist schade, einen Freund, den man mit Mühe gewonnen hat, durch Leichtsinn zu verlieren.‘“ Die Schildkröte nahm den Skorpion auf ihren Rücken, ließ sich wie ein Schiff ins Wasser und machte sich auf den Weg. Während sie im Wasser schwamm, kam plötzlich ein unangenehmes Geräusch ihr zu Ohren, und sie merkte ein Kratzen und Picken auf ihrem Rücken durch die Bewegung des Skorpions. Sie fragte: „Bruder, was ist das für ein Geräusch, das ich höre, und womit beschäftigst du [[265]]dich?“ Der Skorpion antwortete: „Bruder, ich erprobe die Spitze meines Stachels an der Rüstung deines Körpers.“ Die Schildkröte sagte voller Zorn: „Wie unfreundlich von dir. Ich habe mich deinetwegen dem Strudel entgegengestellt und mein liebes Leben und meinen schwachen Körper der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt. Während ich jetzt die Arbeit habe, sitzt du dort in Ruhe und überschreitest auf meinem Körper wie in einem Schiffe das Wasser. Wenn du dich nicht zu Dank verpflichtet fühlst und unsere alte Freundschaft so gering achtest, was soll denn dies Stechen, zumal doch klar ist, daß du mir damit keinen Schaden zufügst und dein Stachel durch meine dicke Haut nicht durchdringt.“ Der Skorpion antwortete: „Gott soll mich bewahren, daß mir derartige Gedanken je in meinem Leben gekommen sind. Diese Bewegung liegt nur in meiner Natur. Ich muß stechen und da ist es mir einerlei, ob es der Rücken des Freundes oder die Brust des Feindes ist.“ Die Schildkröte wunderte sich darüber, versank in Nachdenken und sagte zu sich: „Die Weisen haben mit Recht gesagt, daß Edelmut einem gemeinen und schlechten Menschen gegenüber dasselbe sei wie Disteln in der Schleppe und Schlangen im Kragen zu hegen.“

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48. DER FALKE UND DER HAHN

Ein schneller Falke stritt sich einst mit einem lautkrähenden Hahn: „Du bist ein Vogel, der äußerlich zwar sanft, von Natur aber wild ist, freundlich erscheint, aber Feindschaft nährt. Warum habt ihr im Herzen keine Zuverlässigkeit und Treue. Was ihr tut, ist nur Unaufrichtigkeit und Undankbarkeit.“ Der Hahn antwortete: „Was für Treulosigkeit und Undankbarkeit hast du an uns gesehen?“ Der Falke sagte: „Gibt es wohl größeren Undank? Die Menschen sind zu euch so freundlich und bereiten euch euer Essen, daß ihr, ohne euch abzumühen, euer Leben lang ausreichend habt, sie kümmern sich immer mit derselben Sorgfalt um euch [[266]]und beschützen euch, so daß ihr unter ihrem Schutz ruhig leben könnt. Wenn sie euch aber rufen, so flieht ihr und fliegt von Dach zu Dach. Wir Falken, die wir doch wilde Tiere sind, sind, wenn wir nur einige Tage mit den Menschen zusammen sind, dankbar und bringen ihnen die Beute, die wir gemacht haben, und wenn wir sehr weit von ihnen sind, fliegen wir auf einen Ton zu ihnen zurück.“ Der Hahn antwortete: „Du hast recht, aber euer Gehorsam und unser Ungehorsam kommt daher, daß ihr noch nie einen von euch in der Pfanne habt braten gesehen. Wir aber haben unsere Artgenossen am Roste braten gesehen. Wenn ihr das gesehen hättet, würdet auch ihr die Menschen meiden und, wenn wir von Dach zu Dach flüchten, würdet ihr von Berg zu Berg flüchten.“

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49. DER JÄGER, DER FUCHS UND DER LEOPARD

Eines Tages streifte ein Jäger durch die Steppe und sah einen flinken Fuchs in schnellem Lauf die Ebene durcheilen. Da er in seinen Pelz verliebt war, so trieb ihn seine Leidenschaft an, den Fuchs zu verfolgen. Er kannte das Fuchsloch, grub darum einen Graben, deckte ihn mit Reisig zu, legte darauf ein Aas und verbarg sich im Hinterhalt, um abzuwarten, bis der Fuchs sich fangen würde. Zufällig kam der Fuchs aus dem Loch und wurde durch den Geruch des Aases, er mochte wollen oder nicht, an den Rand des Grabens gelockt. Als er das Aas auf dem Reisig liegen sah, da erkannte er die List und sagte zu sich: „Der Duft dieses Aases ist zwar sehr lieblich, aber das Leben ist auch etwas Schönes. Ein Weiser mischt sich nicht in eine Sache, die Gefahr in sich schließt, und ein Kluger läßt sich nicht in eine Angelegenheit ein, die die Möglichkeit des Schadens in sich birgt. Wenn es auch möglich ist, daß auf diesem Reisig ein Tier liegt, so ist es auch möglich, daß darunter eine Falle oder ein Mensch verborgen ist. Jedenfalls ist Vorsicht angebracht.“ [[267]]

Der Fuchs verzichtete in diesem Gedanken auf das Aas und wählte den sicheren Weg. Währenddessen kam ein hungriger Panther, getrieben von seiner Freßbegier, von einem hohen Berge herab. Der Geruch des Aases lockte ihn in diese Grube.

Als der Jäger das Geräusch der Falle hörte und die Bewegung eines Tieres merkte, glaubte er, es sei der Fuchs, und sprang gierig und ohne Überlegung in die Grube. Der Leopard, der dachte, daß er ihn an dem Genuß des Aases hindern wollte, sprang auf ihn zu und zerriß ihn in lauter Stücke.