52. DER GÄRTNER UND DER BÄR
In alter Zeit lebte ein Gärtner, der sein Leben mit der Pflege seines Gartens zubrachte. So hatte er einen Garten geschaffen, der dem Paradiese glich. Da er mit jedem Baum so eng verbunden war, war aus seinem Herzen jedes Gefühl für Vater, Frau und Sohn entschwunden, und er brachte in dem Garten lange Zeit Tag und Nacht einsam und verlassen zu. Schließlich wurde er von der Verlassenheit so bekümmert, daß er in die Ebene wanderte. Als er am Fuße eines Berges, der sich unendlich wie die Hoffnung dahinstreckte, spazieren ging, kam ihm durch Gottes Fügung ein häßlicher, scheußlicher Bär entgegen, der gleichfalls aus Furcht vor der Einsamkeit von der Höhe des Berges in die Ebene herabgestiegen war. Sogleich entstand zwischen beiden eine Liebe, und das Herz des Landmannes war geneigt, mit dem Bären Freundschaft zu pflegen.
Als der Bär diese Anhänglichkeit des Bauern sah, wurde er auch ihm in Freundschaft zugetan und folgte ihm auf [[274]]den leisesten Wink in den paradiesesgleichen Garten, und da der Gärtner gemäß dem Worte „Ehret eure Gäste“ ihn freundlich behandelte, so wurde dadurch das Band ihrer Liebe fest, und auf dem Boden ihrer Herzen sproßte das Reis der Zuneigung.
Jedesmal, wenn der Gärtner müde war und sich im Schatten eines Baumes ausruhte, stand der Bär liebevoll neben seinem Kopfe und jagte ihm die Fliegen weg. Eines Tages schlief der Gärtner wieder in gewohnter Weise und der Bär verscheuchte die Fliegen. So oft er sie auch verjagte, immer kehrten sie wieder. Schließlich wurde er zornig, nahm einen schweren Stein und warf ihn, um die Fliegen zu töten, dem armen Bauern auf den Kopf. Die Fliegen erlitten keinen Schaden davon, aber der Gärtner starb daran.
Deswegen sagt man: „Ein kluger Feind ist besser als ein dummer Freund.“
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53. DER UNWISSENDE ARZT
Es gab einen jeder Erfahrung und jedes Wissens baren Arzt, der trotz seiner Unwissenheit die Heilkunde ausübte und für sich Geschicklichkeit in seiner Kunst in Anspruch nahm. Er war so unwissend, daß er nicht einmal Kopfschmerz von Gicht unterscheiden konnte und in der Zusammensetzung seiner Mittel heilbringende Arzneien und todbringende Gifte miteinander verwechselte. In der Stadt, wo er seinen Laden aufgetan hatte und wie ein Engel des Todes die Saat der Vernichtung ausstreute, war auch ein verständiger Arzt, der in seiner Kunst wohlerfahren war und durch seine glücklichen Kuren wie Jesus durch seinen Atem die Menschen zu neuem Leben erweckte. Aber, wie es so oft in dieser bösen Welt geht, daß die Klugen von dem Tisch der Güter des Lebens leer ausgehen und die Untüchtigen sich vollfüllen, so hatte dieser Mann, der so geschickt wie Galenus und Hippokrates war, kein Glück, während der Ruf des anderen sich immer mehr ausbreitete. [[275]]
Der König der Stadt hatte eine Tochter, die an Schönheit wie eine Sonne strahlte. Diese hatte er seinem Brudersohn verlobt, und die Hochzeit war jetzt mit königlichem Pompe gefeiert worden. Und aus der glücklichen Vereinigung dieser beiden Sterne war in der Muschel ihres Leibes eine prächtige Perle entstanden. Als die Zeit der Geburt nahte, hatte sich ein Hindernis eingestellt, und man mußte sich an einen Arzt wenden. Man rief den klugen Arzt in den Palast und als man ihm die Krankheit beschrieben und ihn gebeten hatte, schnell ein Mittel zu geben, hatte er auch ein für den kranken Körper passendes Heilmittel bereit und sagte: „Diese Krankheit kann mit einem Medikament geheilt werden, das Mahran heißt, nämlich so: Nehmt ein Viertel Dirhem[44] davon, zerstoßt es und siebt es durch ein Seidentuch, vermischt es mit etwas Moschus und Aloe, kocht es und gebt es zu trinken, sofort wird die Krankheit verschwinden und völlige Genesung eintreten. Das Medikament ist in der königlichen Apotheke vorhanden. Es befindet sich in einer Flasche von reinem Silber, die mit reinem Golde verschlossen ist. Ich habe sie aber wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht finden können.“
Nun war auch der unwissende Arzt anwesend und sagte: „Ich kenne dies Medikament und habe auch Erfahrung in der Mischung und Bereitung.“ Auf Befehl des Königs ging er in die Apotheke und suchte die beschriebene Flasche. Da es aber verschiedene derartige Flaschen gab, so konnte er sie nicht unterscheiden. Er nahm ohne genauere Untersuchung eine davon heraus. Diese enthielt nun nicht das Mahran, sondern ein tödliches Gift. Er öffnete sie, vermischte das Gift in der vorgeschriebenen Weise, stellte die Medizin her und gab sie zu trinken. Als die Kranke dies bittere Gift getrunken, vergaß sie den Streit dieser Welt und gab ihr Leben auf.