Das Jahr, selbst das Jahrhundert der Erbauung all dieser späten Siedelungen läßt sich nur bei einigen annähernd angeben. —
Die Kaiserzeit.
Hatte einst das mächtige Thüringerreich im Südostharze seinen Mittelpunkt, so stand später, als das von Karls des Großen Weltreich abgetrennte und in Selbständigkeit erstarkte Deutsche Königreich, bald vom Glanze der römischen Kaiserkrone umstrahlt, den Höhepunkt seiner Macht erreichte, zur Zeit der Ludolfinger, Salier und Staufer, der Harz hellleuchtend im Vordergrunde der deutschen Reichsgeschichte. Wie nirgends sonst im ganzen Deutschland reihten sich um den Harz Königshöfe und Pfalzen zu einem prächtigen Kranze zusammen: im Norden Dahlum, Seesen, Werla, Ilsenburg, im Osten und Süden Frose, Walbeck, Quitelingen, Allstedt, Tilleda, Wallhausen, Nordhausen und Pöhlde.
Unter den ludolfingischen Kaisern liegt der Schwerpunkt vorerst im Süden und Osten: in Wallhausen, Nordhausen und Quedlinburg, zu denen dann noch aushelfend Pöhlde und Gernrode kommen. So dankbar die Aufgabe wäre, diese Könige, besonders Heinrich I. und Otto den Großen, von einer Harzpfalz zur andern zu begleiten: wir müssen es uns um des Raumes willen versagen. Mit dem Erlöschen der Ludolfinger trat die alte Kaiserstadt Quedlinburg in den Hintergrund. An der stolzen Stiftung des ausgestorbenen einheimischen Hauses nehmen die fränkischen Kaiser nur geringen Anteil, ihr Lieblingsaufenthalt ward Goslar, dem unter dem mächtigen Heinrich III. eine wahrhaft glänzende Zeit erstand. Auf der Höhe des Kaiserbleekes erbaute er den großartigen Reichspalast (Abb. [3]) und in dessen Nähe den herrlichen Dom, einen leuchtenden Schmuck für das ganze Sachsenland. Damals war Goslar in Wahrheit das clarissimum regni domicilium. Und wenn unter Heinrich IV., dem Harzer von Geburt, der Glanz zu erblassen schien und die burggekrönten Harzberge trauernd das Haupt neigten, so kehrten jene Tage des Ruhmes unter dem Sachsen Lothar und unter den beiden Friedrich von Staufen noch einmal wieder auf lange Zeit: ja der Reichstag, den Barbarossa im Juni 1154 in Goslar hielt, überstrahlte alle andern, die der Harz je gesehen hat.
Viermal spitzte sich die deutsche Reichsgeschichte zu einem Kampfe zwischen dem Kaiser und dem Sachsenherzoge zu, aber keiner von ihnen, auch kein späterer Krieg, hat je die Harzlande so schwer betroffen, so viel Städte in Asche gelegt, so viel Burgen gebrochen, als der letzte, in dem um jedes Panier, um das des Welfen Heinrich des Löwen und das waiblingische Barbarossas Harzer Grafen und Harzer Bürger sich scharten.
Im Jahre 1253 sah Goslar zum letztenmal einen Kaiser in seinen Mauern: Wilhelm von Holland, der König der welfischen Partei, ließ sich hier vom Glanze der alten Kaisererinnerungen bestrahlen. Dann stand die Kaiserpfalz öde und vergessen, bis in unseren Tagen in die alten Mauern, die länger als sechs Jahrhunderte trauernd und verlangend nach einem Kaiserantlitz ausgeschaut hatten, der greise Kaiser Wilhelm der Große, der siegreiche Einiger und Mehrer des Reichs, einzog.
Die Harzgrafschaften.
Mit dem Untergange der Hohenstaufen und der Zertrümmerung des starken sächsischen Stammesherzogtums verliert die Harzer Geschichte ihren einheitlichen Charakter. Eine Vielheit von Territorien, geistlichen und weltlichen, umspannten den Harz und hatten das Innere in größeren Bruchstücken und kleinen Splittern zu eigen. Der Oberharz gehörte dem 1235 in seiner Herzogswürde anerkannten Welfenhause, im Osten griffen — wie noch heute — die Besitzungen des Hauses Anhalt, der Selke folgend, tief in das Gebirge hinein; dem Süd- und Ostrande aber gaben die Harzgrafschaften Wernigerode, Regenstein, Falkenstein, Mansfeld, Stolberg, Hohnstein, Scharzfeld u. a. ihr charakteristisches Gepräge. Bis auf das durchlauchtige Haus Stolberg, mit dem jeder Harzer sich gleichsam landsmännisch verwachsen fühlt, sind diese mächtigen Geschlechter, allen voran das kaisertreue Woldenberg-Harzburgische, dessen Glanz fast schon mit dem der Hohenstaufen erbleicht, eins nach dem andern erloschen. Nach manchen Wechselfällen breitet heute der preußische Königsadler, dem braunschweigischen Löwen und dem anhaltischen Bären ihren Raum gönnend, schirmend seine Flügel über den Harz und dessen Vorlande.