Abb. 36. Luther und Karl V. auf dem Reichstage in Worms.
Wandgemälde von Professor Hermann Wislicenus im Kaiserhause zu Goslar.
(Nach einer Photographie im Verlag von Jul. Brumby in Goslar.)

Die niederdeutschen Mundarten haben denselben Konsonantenstand wie das Gotische. Sie sind von der konsonantischen Lautverschiebung, welche schon zur Zeit der Völkerwanderung zunächst bei den Alemannen in der Schweiz begann, und wellenförmig nach Norden fortschreitend im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert in die südlichen Harzlande gelangte und die niederdeutsche Mundart in eine hochdeutsche umwandelte, nicht beeinflußt; sie halten noch das altdeutsche t fest, wo unsere hochdeutsche Schriftsprache z setzt (tämen = zähmen); für das hochdeutsche t haben sie noch d (Dochter = Tochter), für f noch p (lopen = laufen), für ch k (eck und ick = ich) beibehalten. Dagegen haben die Thüringer im Helmegau nebst den dort eingewanderten Flamländern, sowie die Hessen und Friesen diese Lautverschiebung angenommen, so daß der ganze Südharz bis zum Ravensberge jetzt hoch-(mittel-) deutsch spricht. An die frühere Zugehörigkeit auch dieser Gegenden zum niederdeutschen Sprachgebiet erinnern nur noch wenige Spuren, so im Mansfeldischen die Flexion des Infinitivs bei zu (ze thune für zu thun) und mant für nur.

Es lassen sich hier, wenn auch nicht in genauem Anschluß an die Gaugrenzen, drei mitteldeutsche Mundarten unterscheiden: süd- oder unterharzisch, mansfeldisch und nordthüringisch. Ihr Konsonantenstand ist derselbe wie der des Hochdeutschen, nur ist das niederdeutsche pp und mp am Ende der Wörter geblieben: Kopf und Strumpf werden noch Kopp und Strump gesprochen; und das niederdeutsche p im Anlaut ist nicht in pf, sondern in f umgewandelt: Pferd und Pfennig lauten Ferd und Fennig.

Stimmen hierin die drei Mundarten überein, so ist dagegen die sogenannte bayerische Vokalverschiebung, die Verbreiterung der alten Vokale î und û zu ei und eu, welche durch die süddeutschen Kanzleien und namentlich durch Luthers Bibelübersetzung in unser Neuhochdeutsch gedrungen ist, nur von der mansfeldischen Mundart angenommen; sie spricht mei haus, feier, ihr, eich (euch), eier (euer), wo jene beiden min hûs, fier, ji, uch, uer sprechen. Die wesentlichsten unterscheidenden Merkmale zwischen der unterharzischen und der nordthüringischen Mundart sind, daß nur diese den Infinitiv um n verkürzt; im Osten: ich kann spreche, im Westen: ich kann gespreche; und das anlautende g nicht wie j, sondern wie g und k spricht: nicht wie Mansfeld und Unterharz jestern und janz, sondern gestern und ganz neben kestern und kanz. Zum Michquartier gehören sie alle drei.

Abb. 37. Oderteich.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Nicht aber, als die einzige im ganzen Harzgebiete, die in das niederdeutsche Sprachgebiet inselartig eingesprengte oberharzische Mundart, welche sich auf die Städte und Ortschaften beschränkt, die dem Silberbergbau ihre Entstehung verdanken: Klausthal, Zellerfeld, Andreasberg, Wildemann, Lautenthal, Hahnenklee, Bockswiese, Festenburg, Oberschulenberg und teilweise Unterschulenberg und Altenau. Die Lautverschiebungen sind nicht bis hierher gedrungen, sondern die Einwohner haben ihre oberdeutsche Mundart schon aus ihrer Heimat mitgebracht, und da sie keine anders sprechende Bevölkerung vorfanden, unbeeinflußt bewahren können.

Das Oberharzisch hat die bayerische Vokalverschiebung (mei haus), aber andern Konsonantenstand als die vorhin genannten drei mitteldeutschen Mundarten: im Anlaute ist das alte p in pf umgewandelt (also Pfeng, nicht Fennig). In ganz Deutschland hat nur noch die Mundart des oberen Erzgebirges diese Merkmale. In beiden hört man Pfâr für Pferde neben schtoppen für stopfen und Napp für Napf; in beiden klingt kn im Anlaut fast wie gn (Gnabe statt Knabe), wird mr (mer) für wir und für man gebraucht, rsch für rs im Auslaut gesetzt (des Schteiersch = des Steigers), dasselbe helle a mit weitgeöffnetem Munde gesprochen (Ahng = Augen). Bei weiterem Vergleiche zeigt sich die völlige Übereinstimmung der oberharzischen gerade mit der Mundart des westlichen Erzgebirges (der sächsischen Städte Schneeberg und Annaberg und der böhmischen Stadt Joachimsthal). Nur hier, nicht im Osten desselben, wird z. B. das n der Endung gen in die vorausgehende Silbe versetzt und als Nasenlaut gesprochen (Morring Morgen, mit solling Leitn mit solchen Leuten), der Infinitiv auf a (kumma kommen, brenga bringen) und das Adjektiv öfter auf et (narbet narbig, lampet abgetrieben) gebildet. Diese gemeinschaftlichen Besonderheiten der westerzgebirgischen und oberharzischen Mundarten, die letztere allgemeiner festgehalten hat, als erstere, sind auf fränkische Einwirkung zurückzuführen. Fränkisch sind z. B. die erwähnte Adjektivendung et, die Verkleinerungssilbe le la (Heisl, Mehrzahl Heisla Häuschen), das häufige ä für hochdeutsches ei (Äch Eiche, Gäst Geist, dräzen dreizehn, Schrä Schrei etc.). Fränkisch sind auch viele oberharzische Wörter, die im Erzgebirge heutzutage nicht mehr üblich sind (z. B. wallen gin spuken, zochen umziehen, zipperig furchtsam, porren reizen, kâzen vor Uebermut laut schreien, greina weinen).