Abb. 42. Ruine Scharzfels.
(Nach einer Photographie von Fr. Zirkler in Klausthal.)
Inbetreff des Charakters und der Begabung läßt sich zwischen den Bewohnern der einzelnen Gaue kaum eine Grenzlinie ziehen, wohl aber zwischen dem Niedersachsen, dem der meist starkknochige, etwas lebhaftere und redegewandtere thüringische Harzer nahesteht, und dem Obersachsen des westlichen hohen Harzes. Im Norden und Osten meistens gedrungen und kräftig, im Lisgau lang und hager, aber sehnig, ist jener bedächtig, aber nachhaltig, nicht beredsam, doch nicht sprechfaul, etwas zugeknöpft gegen Fremde, aber treu in Zuneigung und Freundschaft, rechthaberisch, doch versöhnlich, starrköpfig, wo seine Rechte in Frage kommen, aber ein Feind arglistiger Schädigung, fleißig, genügsam und sparsam, doch fast verschwenderisch, wo es die Ehre des Hofes und der Familie gilt, karg im Geben, doch bereit zu jeder Hilfe, die kein bares Geld kostet; ohne sprudelnden Witz und lebhafte Phantasie, aber klaren Verstandes und gesunden Urteils; konservativ, doch nicht unzugänglich für Neuerungen, kirchlich und gottesfürchtig, doch nicht frei vom Vertrauen auf Kartenschlagen und Besprechen.
Der Oberharzer erscheint neben dem Nordthüringer und Niedersachsen fast schmächtig und schwächlich, übertrifft beide aber an Gewandtheit und Ausdauer. Er ist gastfrei und gesellig, mäßig und nüchtern, sucht seine Freude in der Familie, in Wald und Halde, in Vereinigungen zu Gesang und Musik; entschlossen und überlegend, ausgerüstet mit bewundernswerter Geistesgegenwart, ist er ein anstelliger, vorzüglicher Arbeiter. An Mutterwitz und Schlagfertigkeit übertrifft er den Niedersachsen weit, doch keineswegs an Schärfe des Verstandes und Tiefe des Gemüts.
VII.
Die Hochebene von Klausthal.
Wir beginnen unseren Rundgang mit den sieben „Bergstädten“ des Oberharzes und folgen dann den dort entspringenden Flüssen bis in die Vorlande.
Klausthal und Zellerfeld.
Von den sich eng aneinander schmiegenden Schwesterstädten Klausthal (Abb. [7]) und Zellerfeld (Abb. [8]), deren erstere, einer langgestielten dreizinkigen Gabel nicht unähnlich, von 535 Meter am gemeinschaftlichen Bahnhofe bis zu 605 Meter beim Schützenhause aufsteigt, ist das fast schachbrettgeformte Zellerfeld die ältere. Da, wo jetzt hart an der Grenze das städtische Brauhaus steht, erbaute das reiche Simon-Judasstift in Goslar gegen das Jahr 1200 das Benediktinerkloster Cella und schuf damit an dem alten von Goslar nach Osterode zum Anschluß an die Nürnberger Straße führenden Wege dem Warenzuge des Kaufherrn wie dem einsam pilgernden „Elenden“ eine bessere Erholungs- und Zufluchtsstätte, als solche die dürftigen Klausen, von deren einer Klausthal den Namen führt, zu bieten vermochten. Und bald erklang die Axt der fleißigen Klosterleute im ungelichteten Urwalde, auf der geschaffenen Lichtung, dem „Zellerfelde“, erstanden Außenhöfe mit Viehwirtschaft, und fränkische Bergleute siedelten sich unter dem Schutze des Klosters und seiner Schirmherren an und erschürften Gang um Gang des edlen Silbers. Anderthalb Jahrhunderte wirkte so das am höchsten und einsamsten gelegene Harzkloster im Segen; da brach im Jahre 1348 der schwarze Tod, der wie ein Würgengel ganz Europa durchschritt, auch hier herein, raffte Mönche und Bergleute dahin und brachte durch die Unsicherheit und Verwilderung, die ihm auf dem Fuße folgte, den Oberharz wieder zu völliger Verödung. Doch heute noch befährt der „Bergmönch“ als der aufsichtführende Geschworene mit silbernem, bis zur Firste flackerndem Grubenlichte die Schächte und Strecken, und beredter noch als die Sage führen die Gruben des „alten Mannes“ mit seinem Gezäh und seinen Gebeinen, die „Burgstätte“, auf der vielleicht der letzte Rest der von der Pest Verschonten im Kampfe mit den Räuberbanden erlag, der Frankenscherven (jetzt Frankenscharn), die „Abtshöfe“ und andre ihre stumme Sprache.