Abb. 3. Kaiserhaus in Goslar.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Den Inseln gleich im grünen Waldmeere liegen, weithin, doch nicht planlos verstreut, große und kleine Wiesenfluren und inmitten einer jeden, meist der Form und dem Zuge des Thales sich anschmiegend, die Bergstädte und oberharzischen Ortschaften, auf den kleinsten Eilanden wenigstens ein Forsthaus, oder ein Zechenhaus oder eine Mühle. Längst hat der rote Ziegel die schwärzlich graue Holzschindel verdrängt, und mit frischen Farben leuchten diese kleinen Siedelungen — in den unabsehbaren grünen Teppich gewobene Blumen — zu der Höhe herauf, von der wir Umschau halten, und fesseln unsere Augen.
Und wie ganz anders rollt das Bild sich ab, wenn wir unsern Fuß rüstig wandernd gen Osten setzen. Sind wir denn wirklich im Gebirge? Kein Bergzug umrandet die Ebene, versteckt und verdeckt liegt selbst der Vater Brocken, der sonst nach allen Seiten seine Grüße versendet; kein Gießbach schäumt, fast unhörbar und in Mäanderschlingen schleichen träge die Bäche vorüber. Nur die kärglich bestandenen Fluren mit ihren sich verspätenden Saaten und die in der Ferne sich kräuselnden Rauchwolken, die einem Hüttenwerke entstammen müssen, heben unsere berechtigten Zweifel.
Doch weiter! Bald ist sie überwunden — diese Einförmigkeit der unterharzischen Hochebene, die doch niemals zur Langweiligkeit ausartet, vielmehr dem Wanderer nur einige Stunden ruhiger Beschaulichkeit gewährt und sein Gemüt vorbereitet zu rechter Würdigung und zu vollem Genusse des Kommenden.
Mählich beginnen die Thäler sich einzuschneiden und die buchenbestandenen Höhenzüge zu wachsen; die kleinen Flüßchen bekommen Leben, und nicht lange, so erhält das anmutige Hügelgelände überzeugend den wirklichen Gebirgscharakter. Berg türmt sich auf Berg, wunderliche Felsgebilde steigen empor und recken sich höher und höher, um hier in die schwindelnde Tiefe mit ihrem brausenden Bergstrom, dort wie eine Gefahr dräuende Riesenburg weit hinaus zu schauen in die blühenden Vorlande.
Hart dem Saume des Gebirges folgend, reihen sich hier blühende Städte, rührige Flecken und schmucke Dörfer zu einem lieblichen Kranze. Wo auch nur ein Fluß oder Bächlein aus dem Harze heraustritt, da haben — gerade an diesem Austrittspunkte — unsere Vorfahren mit Verständnis einst ihre Wohnungen aufgeschlagen und von hier aus nach dem Vorbilde eines Klosters, unter dem Schutze einer Burg den Kampf mit der Wildnis aufgenommen, und unermüdlich die blanke Axt schwingend dem Urwalde die fruchtbaren Fluren abgerungen, auf denen sich jetzt der goldige Weizen mit schwerer Ähre im Winde wiegt und die gehaltvolle Zuckerrübe reichen Ertrag gewährt.
Nur spärlich ist die Zahl der Urkunden, welche aus jener Zeit berichten, wo dieser engste Saum von Ortschaften, von denen dann allmählich unternehmende Pioniere in den inneren Harz eindrangen, um unser Gebirge gelegt wurde, und vielfach verstummt sogar verschämt die sonst selten verlegene Sage. Aber die Städte und Ortschaften selbst tragen in ihrem Namen eine untrügliche Inschrift, ein unauslöschliches Merkmal der Zeit ihrer Entstehung.