Abb. 59. Das Frankenfeldsche Haus in Wernigerode.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Wenn wir uns einer im Walde oder in der Nähe desselben belegenen Silberhütte, nicht bloß der Klausthaler, nähern, so fällt es uns auf, daß die Fichten an den Berghängen statt des normalen Grün ein eigentümliches Blaugrau oder ein schmutziges Dunkelgrün, oder häufiger noch ein ganz helles Gelbgrün zeigen. Und treten wir, um ihn näher zu betrachten, an einen solchen Baum heran, so finden wir neben normalgrünen fahle, mißfarbige, gelb-, trocken-, rotspitzige und ganz rote Nadeln; je näher wir der Hütte kommen, desto mehr nimmt diese Entfärbung von Grün in Rot zu, und da die roten Nadeln meist abfallen, so überzieht eine hohe, lose Nadelschicht den Waldboden, die Bäume werden fast kahl, die Äste und bei jüngeren Bäumen auch der Stamm dunkel bis kohlschwarz, die Äste trocken, die Kronen licht, und noch ehe wir die Hütte erreichen, endet der Wald mit weit auseinanderstehenden, ganz dünn benadelten Baumkrüppeln, die aussichtslos den letzten Kampf um ihr Leben kämpfen.

Waldvergiftung.

In unmittelbarer Nähe der Hütte aber wächst weder Baum noch Strauch noch Grashalm. Diese Rauchblöße der Klausthaler Hütte umfaßt 200 Hektar früheren Waldboden gegen 10 Hektar im Jahre 1750. Daran schließen sich aber noch 180 Hektar stark beschädigte Bestände mit spärlicher Heide und kümmerlichem Grase. Wie von dem völlig vegetationslosen Blößenterrain, dessen zusammenhaltende Grasnarbe längst weggeräuchert ist, der Boden bis auf den letzten Rest von den Regengüssen abgespült wird, so daß demnächst nur der nackte Fels erhalten bleibt; so werden die jetzt lückigen Bestände allmählich in vollständige Blößen übergehen und die mäßig und schwach geschädigten nacheinander lückig werden. Aber da die klimatischen Verhältnisse und die Terrainbildung dieselben bleiben, so wird wenigstens das Gesamtschädigungsgebiet sich schwerlich noch vergrößern.

Was den Wald vergiftet und tötet, ist nicht etwa der metallische Flugstaub, den die Hütten im Hüttenrauch in die Luft senden. Der schadet wohl dem Rindvieh, das in der Nähe der Hütten weidet — der zuweilen tödliche „Kopfjammer“ ist eine Bleivergiftung; der ruft auch bei Hirschen, die dort äsen, die abnormen Geweihbildungen hervor, die wir in den Harzer Forsthäusern mit Verwunderung betrachten; und die halbgelähmten Drosseln und Finken, die wir im Herbste kraftlos von einem Steinhaufen an der Chaussee zum andern flattern sehen, haben sich an den mit feinem Bleistaub bedeckten, verlockenden Vogelbeeren den Tod geholt. Aber das Gift, das den Pflanzen durch den Hüttenrauch zugeführt wird, ist die schweflige Säure. Wie die Chausseebäume bei Silbernaal zeigen, ist die schädliche Wirkung dieser Säure bei den Laubbäumen bedeutend geringer als bei den Nadelbäumen, denn während das im Rauch erkrankte Laubblatt bald durch ein gesundes ersetzt wird, summiert sich in den Nadeln die Schädigung für mehrere Jahre. Nach den gemachten Erfahrungen und angestellten Versuchen sind die Eiche und die Ahornarten am widerstandsfähigsten, und nur mit dem Eichenniederwalde kann der Verwüstung mit Erfolg Halt geboten und dann vom Bestandesrande aus auch den Rauchblößen schrittweise wieder Terrain abgerungen werden.

Metallaufbereitung.

Ehe wir in die Hüttengebäude eintreten, werfen wir einen kurzen Blick in die oberhalb des Hüttenbahnhofes terrassenförmig aufsteigende Aufbereitungsanstalt, die größte der Welt. Oben beim Ottiliäschacht beginnend, wo bis vor kurzem die mit Erz gefüllten Eisenkästen unmittelbar aus den Schiffen 400 Meter hoch gehoben und gestürzt wurden und jetzt die Wagen der elektrischen Bahn, welche die Erze des Burgstätterzuges herzuführt, entladen werden, nehmen wir die entsetzlich prasselnden Steinbrecher und weiter die Walzwerke (zur Zertrümmerung) und Trommeln (zur „Klassierung“, Sonderung nach dem spezifischen Gewicht) in Augenschein, durchwandern die Sortierhäuser, wo das Klauberz durch der Pochknaben flinke Hand in Bleiglanz, Blende, Kupfer- und Schwefelkies, „Pocherz“ und „Berg“ geschieden wird, die Pochwerke, wo 176 je 180 Kilogramm schwere eiserne Stempel mit ihrem stählernen „Schuh“ die Erze in Tiegeln aus Hartguß unter so entsetzlichem Lärme zerschmettern, daß man auch den lautschreienden Nachbar kaum versteht, sehen dann Stoßherd, Setzmaschine und Kehrrad arbeiten und treten durch die Schlammwäsche wieder ins Freie.

Abb. 60. Markt und Rathaus in Halberstadt.
(Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin.)