Abb. 58. Rathaus in Wernigerode.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Wo die Söse bei ihrem Austritt aus dem eigentlichen Gebirge den Lerbach aufnimmt, an dem sich, eng und tief zwischen die Berge eingeklemmt, das gleichnamige große Eisenhütten- und Waldarbeiterdorf stundenweit bis unter die Kuckholzklippe und den Heiligenstock hinaufzieht, liegt hart zwischen dem Harze und einem Hügelzuge freundlich die wichtige Fabrikstadt Osterode (Abb. [22]). Im Jahre 1130 zuerst erwähnt, erhielt der Ort zwischen 1218 und 1223 vom Pfalzgrafen Heinrich Stadtgerechtsame und trat im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts — wo die Stadt, sonst auf Ackerbau und Handel angewiesen, Mittelpunkt einer bedeutenden Eisenindustrie ward — in den Bund der Hansa. Doch war die Blüte nur von kurzer Dauer. Daß ihr Handel und Wandel mehrfach vom räuberischen Adel der Nachbarschaft und von gemeinen „Räubern und Strodern (dies ist das deutsche Wort für Vagabund) auf dem Harze“ geschädigt ward, war nicht das Schlimmste. Der übermütige, trotzige Sinn ihrer Bürgerschaft verwickelte sie in Fehden, deren eine ihr gar die Reichsacht zuzog, und die langjährigen Zwistigkeiten jener mit dem Rate gediehen im Jahre 1510 zu offenem Aufruhr und grauenhaftem Morde: die Bürger stürzten ihren Bürgermeister Freienhagen vom Rathause in die Spieße der untenstehenden, die seine Leiche schmählich in Stücke hieben. Zu diesen das Gemeinwesen schwer schädigenden Vorgängen gesellten sich Verheerungen durch Brand und Seuchen: am 1. September 1545 ward die ganze Stadt bis auf 46 Häuser und die Vorstädte ein Raub der Flammen, und in die Zeit von 1566 bis 1625 fallen sechs schwere Pestjahre. — Die Schrecken des dreißigjährigen Krieges, Brandschatzungen durch Braunschweiger, Kaiserliche und Schweden, Belästigung durch die sogenannten Harzschützen brachten die Stadt an den Rand des Verderbens. Die schwerste Heimsuchung knüpft sich an den Namen Merode. Vom 17. bis 22. Oktober 1631 legte sich dieser Pappenheimische General mit acht Regimentern vor die Stadt, forderte 40000 Thaler Kontribution und ließ, als diese Summe nicht gezahlt werden konnte, sofort seine Geschütze und Mörser spielen, auch die nicht geschützten Vorstädte zum schreckenden Beispiel „gänzlich ruinieren und ausplündern“. Vergebens bat der Rat „um Christi Blutes und Todes willen“ fußfällig um Gnade, vergebens versuchten die Schulknaben und Mägdlein den harten Kriegsmann milde zu stimmen, vergebens war die Bitte der Bürger, mit Weib und Kind unter Zurücklassung aller Habe die Stadt verlassen zu dürfen. Die Kirchen wurden erbrochen, das Regierungsgebäude ausgeraubt, den Bürgern Wollen- und Leinentuch und andre Ware, auch Pferd und Wagen genommen, und Merode selbst nahm alles vorhandene Geld, Gold und Silber als Abzahlung, für den Rest hafteten die Geiseln, die er mit sich führte.
Nach jenem verderblichen Kriege hat sich die Stadt in stetiger und ruhiger Entwickelung zu einer der ersten Fabrikstädte des Harzes emporgeschwungen (7100 Einw.).
Unter der aus Flußkieseln erbauten Marktkirche ist die Fürstengruft der letzten Herzöge von Grubenhagen, deren Stamm 1596 mit Philipp II. erlosch, und ihrer Gemahlinnen. Das älteste Gebäude ist die mit der zwei Meter höher gelegenen Schloßkirche verbundene sehr starke viereckige Wegsklause. Eine malerische Gruppe bildet vor dem Johannisthore die Ruine der landesherrlichen Burg mit ihren in Gärten umgewandelten Gräben und der wie jene aus Flußkieseln in Gips erbauten Johanniskirche an ihrem Fuße. Wohl von den Grafen von Catlenburg vor 1130 erbaut, ging sie 1143 an deren Erben Heinrich den Löwen über und diente noch bis 1512 als Witwensitz der grubenhagenschen Herzoginnen. Jetzt wohnt in dem epheuumrankten, zur Hälfte abgespaltenen mächtigen runden Turme nur noch die holde „Osterjungfrau“, die Wohlthäterin der Armen.
Die Söse, welche in der Stadt das große Kornmagazin bespült, aus dem die oberharzischen Bergleute ihr „Herrenkorn“ zu billigem Preise erhalten, folgt gleich den andern Flüssen dieses Harzrandes erst noch eine längere Strecke dem Gebirge in nördlicher Richtung; erst zwischen Badenhausen und Eisdorf gelingt es ihr, angesichts der Ruinen der Hindenburg und des Lichtensteins durch eine Lücke im Gipszuge nach Süden zu entschlüpfen, um sich dann, bei Dorste sich westlich wendend, bei Elvershausen in die Ruhme zu ergießen.
IX.
Die Innerstelandschaft.
Die Innerste, der zweite und wichtigste Fluß der Klausthaler Hochebene, hat ihre Quelle in dem auf alten Karten Innerstesprung genannten Entensumpfe, unfern des Dorotheer Zechenhauses, verstärkt sich durch die Abflüsse der großen Bergwerksteiche, von denen der Bärenbrucher, der Pixheier, der Schwarzenbacher, der Ziegenberger und der Große Sumpfteich bei Buntenbock die bedeutendsten sind, sammelt ihre Wasser in dem schön gelegenen, 477000 Kubikmeter fassenden Prinzenteiche bei der Ziegelhütte und schlägt in einem von hier ab deutlich ausgeprägten Thale nördliche Richtung ein. Wo ihr der Zellbach die Wasser von 19 Teichen von rechts zuführt, wirbelt die Klausthaler oder Frankenscharner Silberhütte ihre Rauchwolken verwüstend in die Luft.
Rauchblößen.