Im übrigen legt der edle Hirsch (Abb. [20]) seine Scheu nur im Winter auf den Futterplätzen ab, die für ihn bei den Förstereien, doch auch beim Waldhäuschen am Fortuner Teich, beim Johanneser Kurhause und andernorts eingerichtet sind. Pünktlich wie die Uhr und nach und nach mit größerem Vertrauen stellen sich die Tiere einzeln und in Rudeln ein und sättigen sich an dem duftigen Heu, das ihnen in hölzernen Raufen dargeboten wird. Verstohlen äugen sie dabei zu uns herüber, jeden Augenblick bereit, wenn wir uns verdächtig zeigen sollten, mit einem kühnen Satze den schützenden Wald zu gewinnen. Eine neue Schar hungernder Tiere trifft ein. Sie kommen zum ersten Mal, aus weiter Ferne. Den mageren Leib noch zwischen den jungen Fichten bergend, schauen sie bald verlangend auf die gefüllten Raufen, bald ängstlich auf die gefürchteten Menschen. Jetzt tritt hier und da ein Tier vorsichtig einen Schritt vor, die knuspernden, hier schon heimischen Gefährten machen ihnen Mut, ein Alttier, weniger argwöhnisch als die Kälbchen, wagt sich heran, und nun eilt plötzlich das ganze Rudel herbei und umdrängt die wohlthätigen Futterstände. — Ohne diese Futterplätze würde der größte Teil des reichen Wildbestandes während der Schonzeit eingehen, denn Rindenstückchen und Fichtenspitzen können auf die Dauer nicht als Nahrung genügen, und durch das „Plätzen“ (Scharren) vermag das hungernde Wild bei anhaltendem Winter Gräser und Heidekraut selbst an den Quellen nicht mehr freizulegen. Aber trotz der ausgiebigsten Fütterung fällt nicht nur manches verwaiste Kälbchen, sondern auch manches stattliche Tier dem Oberharzer Winter alljährlich zum Opfer. Auf der hohen Schneelage, die sich bei mildem Wetter gesetzt hat, bildet wieder einfallender Frost eine harte Eiskruste, und diese reibt den Tieren binnen kurzem die Läufe wund und blutig. Langsam, das edle Haupt gesenkt, ein Bild des Elendes, zieht das kranke Wild seinen Weg, den es sonst im Fluge zu durcheilen gewohnt war; seine Kraft reicht kaum noch hin, die kranken, mit eiternden Wunden bedeckten Läufe aus dem harten Schnee, in den sie bei jedem Schritte tief einsinken, emporzuziehen; es kann den Futterplatz nicht mehr erreichen, verlassen und hilflos geht es an Entkräftung zu Grunde und wird eine Beute der Füchse.

VIII.
Die Söselandschaft.

Osterode.

Die Wasser der Klausthaler Hochebene fließen der Söse, der Innerste und der Oker zu. Die Söse entspringt als große und kleine Söse am jähen Abfall des Bruchberges unter den Söseklippen in der Nähe des Dammhauses. In raschen Sprüngen (Gefälle 1 : 14) eilt sie in ihrem tiefen, engen Thale bis Kamschlacken (410 Meter), wird hier etwas ruhiger und tritt beim Scherenberge oberhalb Osterode mit einem Gefälle von 1 : 60 in das Land. Von besonderer Schönheit ist ihr Thal von Kamschlacken über Riefensbeek bis zur Limpicher Brücke.

Abb. 57. Wernigerode.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)