Abb. 62. Inneres des Domes zu Halberstadt.
(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)
Bei Langelsheim, wo — wie in Lautenthal — eine Silberhütte dampft, tritt der Fluß durch eine majestätische Gebirgspforte in das Vorland. Bei niedrigem Wasserstande erscheint sein Wasser schon hier fast durchsichtig; der giftiges Bleioxyd führende Pochsand hat sich im kiesigen Flußbett nach und nach niedergeschlagen. Rührt aber Hochwasser diese Schlammmassen auf und reißt sie brausend mit fort, dann ist die Innerste eine graue, dicke Flüssigkeit, und wo sie über ihre Ufer steigt, lagert sie unglaubliche Mengen des feinen Pochsandes auf Wiesen und Äcker im unteren Innerstethal ab.
Auf ihrem linken Ufer eilt der Innerste das Flüßchen Neile zu, die das Schlachtfeld von Lutter und die Heimat des sagenhaften „Thedel von Wallmoden Unverfehrt“ bespült.
Längeren Laufes und wasserreicher als die Neile, die bei der Darmpfuhlsmühle mündet, ist die Nette, welche der Innerste alle Wasser zuführt, die von dem hohen Bergzuge auf dem linken Ufer dieses Flusses bei Wildemann nach Westen rinnen. Am höchsten greift der Pandelbach, die alte Grenze zwischen Engern und Ostfalen, zwischen Mainz und Hildesheim, hinauf; seine Quelle liegt an dem allen Harzwanderern bekannten „Keller“, einem haustief in das bröcklige Gestein steil eingeschnittenen schmalen Hohlwege, auf dem einst den Walkenrieder Hütten im oberen Nettethal die Rammelsbergschen Erze zugeführt wurden. Welch ein beschwerlicher Umweg! Aber die Gegend zwischen Langelsheim und Hahausen war ehemals — und noch zur Zeit der Schlacht bei Lutter — ein unpassierbarer Sumpf.
Münchehof. Kirchberg.
Bei Münchehof (das ist Hof der Walkenrieder Mönche) tritt der Pandelbach, in dessen klaren Wassern das üppige Buchengrün flimmernd sich spiegelt, aus dem Oberharze heraus. Gleich darauf bespült der verstärkte Bach das alte, aber außen und innen modernisierte Schloß Kirchberg, das mit seinem Burggraben und seinem von prächtigen Baumgruppen begrenzten Schloßteiche sich von dem fruchtbaren Gefilde gar ausdrucksvoll abhebt. Nach ihm benannten sich Heinrichs des Jüngeren legitimierter Sohn Heinrich Theuerdank und dessen Mutter Eva von Trott.
Die nicht bedeutenden Ruinen der Staufenburg — namentlich ein dicht von Epheu umwobener zerspaltener Turm und Reste des Eingangsthores, vor dem eine mächtige Linde von hohem Alter steht — finden sich auf einem Kegel, der aus dem buchenbestandenen Muschelkalkzuge, der den Oberharz im Westen in geringem Abstande begleitet, wenig auffällig hervorragt. Hervorragende Bedeutung für die Kulturgeschichte des Oberharzes erhielt die Burg, als 1505 hier die Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel ihren Witwensitz nahm und dem Bergbau ihre ganze Liebe zuwandte. Um sich an der sich mehr und mehr ausdehnenden Montanindustrie zu erfreuen, besuchte sie gar oft persönlich den rasch aufblühenden Ort „im Grunde“, dessen Kapelle sie zur Pfarrkirche erhob. In ihre Fußstapfen trat 1521 ihr Großsohn und Erbe, Herzog Heinrich der Jüngere. Mochte ihn vielfach auch die Sehnsucht nach seiner geliebten Eva, an deren Statt er eine ausgestopfte Puppe nach fein gespielter Todeskomödie mit Sang und Klang in Gandersheim hatte begraben lassen, nach der Staufenburg ziehen, wo sie in stillster Einsamkeit, mehr einer Gefangenen als einer fürstlichen Geliebten ähnlich, ihre Jugendjahre verlebte; so besuchte er doch auch später, als er 1541 Eva mit ihren Kindern nach der festeren Liebenburg geschickt hatte, häufig die Staufenburg, um von hier aus seine neu entstandenen Bergstädte Zellerfeld und Wildemann, deren Gruben und Hütten in Augenschein zu nehmen. — Von seinen Nachfolgern aber hat keiner auf der verschwiegenen Burg auch nur vorübergehend residiert. So verfiel sie nach und nach, und 1778 fand man den Aufenthalt in dem alten Gemäuer selbst für die Gefangenen und deren Wärter zu lebensgefährlich.