Abb. 63. Michaelstein.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Abb. 64. Mönchseiche bei Michaelstein.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Die Nette, welcher der Pandelbach und mehrere andre größere und zahlreiche kleine Bäche ihr Wasser zuführen, entspringt am Netteberge bei Herrhausen. Ihr Gebiet führt — sogar noch im Volksmunde — den Namen Ambergau.

Von rechts nimmt die Nette die aus dem Oberharze kommende Schildau auf. Der Weg von der Schildauköte am Fuße des Schildberges, der die unbedeutenden Ruinen einer vom Grafen Hermann von Winzenburg um 1148 erbauten Burg trägt, auf dem „Forellenstieg“ an dem schäumenden Flüßchen hinunter über den „Grünen Jäger“ nach Seesen gehört zu den schönsten im ganzen Harze.

Seesen.

Seesen, in den Friedensverhandlungen zwischen Heinrich dem Zänker und den sächsischen Großen 984 zuerst erwähnt, hat erst nach Anlage der Eisenbahnen, die von ihm strahlenförmig nach fünf Seiten laufen, kräftigen Aufschwung genommen und weniger begünstigte Städte raschen Schrittes überholt. Unter den wenigen alten Häusern, welche die häufigen Feuersbrünste überstanden haben, ist außer dem früheren Schlosse kaum ein architektonisch bedeutsames.

Obwohl Seesen in einer Höhe von nur 219 Meter am Rande des Oberharzes liegt, fühlt und glaubt man sich hier mitten im Gebirge, denn die Höhen, welche den Ambergau im Westen begrenzen, und die Berge, welche von Hahausen das rechte Netteufer begleiten, erscheinen dem Auge fast von gleicher Höhe wie der eigentliche Harz. Mit besonderem Wohlgefallen aber ruht es auf dem Bergzuge des Heber, dessen helles Laubgrün zu dem gegenüberliegenden dunkeln Harzwalde einen freundlichen Kontrast bildet. Gleich einem verwitterten, halb zertrümmerten Felsen ragt aus den hohen, schlanken Buchen ein altes Gemäuer hervor und überschaut wie ein Herrschersitz den Gau thalauf und -ab. Es ist die Ruine der Burg Woldenstein, der Sage nach die Heimat des vom heiligen Bernward, seinem Verwandten, erzogenen gelehrten Bischofs von Meißen (1066–1106) und eifrigen Bekehrers der Wenden, des vom Papste Hadrian VI. 1523 heilig gesprochenen St. Benno. Aber die Burg ist erst 1295 von den Grafen von Woldenberg erbaut. Ihr Ende fand sie 1519 in der verwüstenden „Stiftsfehde“.