Der Nette folgend, treten wir bei Rhüden, wo aus den oberen Schichten des bunten Sandsteins eine schwache Sole quillt, in die Gegend des erst einige Jahrzehnte alten, aber lohnenden Kalibergbaues ein, der von hier den Nordrand des eigentlichen Harzes im Halbbogen umzieht.

Bockenem.

Über die durch ihre geschmackvollen Gußwaren rühmlichst bekannte Wilhelmshütte und die durch Steinbrüche zerwühlte Stätte der Pfalz Königsdahlum gelangen wir nach Bockenem, der anmutig gelegenen, alten Hauptstadt des Ambergaues, die von den Grafen von Woldenberg, deren Wappen sie noch heute führt, schon im Jahre 1300 Stadtgerechtsame erhielt. Nach den großen Feuersbrünsten von 1685 und 1847 arm an altertümlichen Bauwerken, macht doch die vom Flußufer sanft aufsteigende Stadt mit ihren breiten, sauberen Straßen und behäbigen Bürgerhäusern, ihrem geräumigen, mit Linden bepflanzten und von zwei Kirchen begrenzten Marktplatze einen wohlthuenden Eindruck. Weit blickt der mächtige 60 Meter hohe Turm der Pancratii-Kirche, dessen unterer, festungsartiger Teil wohl noch aus der Zeit Ludwigs des Frommen stammen mag, rings in die Lande hinaus. Im Innern des einfach-schönen Gotteshauses, einer dreischiffigen, gotischen Hallenkirche, fallen besonders die sehr alten aus Holz geschnitzten Standbilder der Apostel und der heiligen Jungfrau, welche — lange unter Steingeröll begraben — vom Professor Küsthardt kunstverständig renoviert, das in Formen der Spätrenaissance reich dekorierte messingene Taufgefäß und das von dem aus Bockenem stammenden Maler Nepperschmidt herrührende Wandgemälde „der barmherzige Samariter“ ins Auge. In ihrer Nähe liegt das einzige Fachwerkhaus aus dem sechzehnten Jahrhundert, die alte Generalsuperintendentur; im Winter 1626 diente sie Tilly als Hauptquartier.

Abb. 65. Burg Regenstein.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Schloß Söder.

Vom Dorfe Werder aus, nach dessen Burg sich das Dynastengeschlecht der Grafen von Werder und später ein Zweig der Woldenberger schrieb, ersteigen wir auf bequemem Waldpfade den Weinberg, der uns bis dahin das Schloß Söder verdeckte. Da, wo die Bockenem-Hildesheimer Chaussee vom Dorfe Nette aus die Höhe des Weinbergs in Schlangenwindungen erklettert, hat man einen großartig schönen Blick über die wellenförmige Bockenemer Ebene auf das Harzgebirge: auf den üppig bewaldeten Muschelkalkzug der Nauer Berge und der Osterköpfe türmen sich terrassenförmig die dunklen oberharzischen Berge von Lautenthal, Goslar und Klausthal auf, und über sie alle schaut aus weitester Ferne der Vater Brocken mit dem Königsberge herüber, oft noch weißgelockt, wenn hier schon alles grünt und blüht, oft auch im Strahl der scheidenden Sonne mit flammenumspieltem Scheitel. Wirkungsvoller als dieser ist kein andrer Blick auf den Harz.

Eine viertelstündige Wanderung durch stattlichen Buchenwald führt uns nach dem Schlosse Söder (Abb. [26]). Überraschend schön liegt es inmitten seines herrlichen Parkes mit blinkenden Teichen, prächtigen Baumgruppen und sammetartigen Rasenflächen. Anfang des vorigen Jahrhunderts war dieses Schloß des kunstsinnigen Domherrn Moritz von Brabeck der Sammelpunkt berühmter und hochstehender Personen; von seinen Gästen nenne ich nur C. von Strombeck, den Freiherrn zum Stein, Graff und Iffland, Karoline von Humboldt und Marie Körner; auch die Königin Luise von Preußen war hier im Jahre 1805.

Schloß Derneburg. Der Woldenberg.