Bildet Söder mit seiner Flur eine stille, liebliche Waldoase, so blickt das Schloß Derneburg (Abb. [27]), der Familiensitz des Fürsten Münster, frei ins Land hinaus. Gar wirkungsvoll heben sich die rotbedachten Schloßgebäude mit ihren vielen Türmchen vom dahinter aufsteigenden buchengrünen Donnersberge ab.

Abb. 66. Schloß Blankenburg.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Ein noch fahrbares Stück der mittelalterlichen Augsburger Straße benutzend, ersteigen wir von dem Marktflecken Holle aus, der Heimat des Ritters Berthold von Holle, der als der erste in diesem Teile Deutschlands im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts in deutscher (höfischer) Sprache dichtete, den Woldenberg, den alten Herrschersitz dieser Lande weit und breit. Dem weitverzweigten Grafengeschlecht der Woldenberger, dessen Stammvater Ludolf vom Kaiser Lothar ausdrücklich zu den „Fürsten“ gezählt wird, kam zur Zeit der Staufer in den Harzlanden kein andres an Macht und Ansehen gleich; im Besitze vieler Burgen und Schirmvogteien, übten sie den Königsbann in acht Gauen. Die „Seele der kaiserlichen Partei“ in Norddeutschland, haben die Woldenberger ihre Kräfte im Kampfe für die Hohenstaufen verzehrt, und Graf Gerhard, der Letzte des Geschlechts, starb 1383 ziemlich verarmt.

Vorübergehend Residenz des Fürstbischofs, ward der Woldenberg 1641 durch Kaiserliche teilweise zerstört, doch konnte die Burg noch anderthalb Jahrhunderte als Amthaus bewohnt werden, ehe man sie als Steinbruch benutzte. Vor etwa 50 Jahren ist der hohe Bergfried, aus dem oben die Bäume ihre grünen Arme herausstreckten, vor der weiteren Zerstörung geschützt und zu einem herrlichen Aussichtspunkte umgewandelt. Nach allen Seiten reicht der Blick weit über Wald und Land, über fruchtbare Thäler und immer höher sich auftürmendes Gebirge. Überaus anmutig leuchtet im westlichen Vordergrunde das Schloß Henneckenrode (Abb. [28]), die Blumsche Waisenstiftung, mit seinen Teichen über das Waldgrün hervor, und nicht weniger herzerquickend ist der Blick auf den mittleren Teil des Ambergaues mit seinen reichen, gesegneten Fluren, seinen schmucken Dörfern, die sich um die einst woldenbergsche Stadt Bockenem gruppieren. Wohl erhalten ist auch das von zwei Türmen flankierte Thorhaus, von denen der eine in Form eines Dreiviertelkreises in den trockenen, in den Fels gebrochenen Burggraben vorspringt und in seinem Obergeschoß ein polygonales, aus Fachwerk gebautes Turmzimmer trägt.

Der Hainberg.

An der Felsschlucht unterhalb des Binnenhofs, die uns den Wahlspruch eines „Drosten“: „Solitudo solo beatitudo!“ nachruft, vorüber, lenken wir unsere Schritte den lauschigen Wald uralter Eichen und Buchen hinab, wie man sie in solcher Schönheit nur selten noch zu sehen bekommt, dem auf scharf abfallendem Felsvorsprunge in stiller Waldeinsamkeit des Hainbergs belegenen St. Hubertus-Jägerhause zu, an dessen Felsenkapelle (Abb. [29]) sich die Sage von der Bekehrung des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, knüpft. Das von Künstlerhand zu beiden Seiten des Altars in die Felswand gehauene Relief — hier der Hirsch mit dem zum Kruzifix gewordenen Jagdspieß im Geweih, dort auf den Knieen der Jäger mit anbetend erhobenen Händen, hinter ihm der Knappe mit dem Jagdroß, — stammt nach der an der gegenüberliegenden Grottenwand eingehauenen Inschrift aus dem Jahre 1733; älter ist die arg beschädigte und vom Rauch geschwärzte Darstellung am äußeren Felsen, nach welcher der vom Hirsch durch eine Schlucht getrennte Hubertus sein Roß selbst hält.