Abb. 81. Ritter-Denkmal in Quedlinburg.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Sein Fuß steht in der Region des Nadelwaldes. Es sind dunkle, hohe Fichten, zwischen denen wir hinansteigen. Aber bald wird der Wald lichter, Granitbrocken und Scherben bedecken den Boden, Himbeer- und Brombeerstrauch erklettern die mit Flechten überzogenen Trümmer; hier hält eine Fichte einen Granitblock, ihre Wurzeln immer tiefer in seine engen Spalten treibend, fest umklammert, dort breiten Heidelbeere und Heidekraut über den mit Erde gemischten „Hexensand“, einer Anemone oder einem Habichtskraut Schutz gewährend, ihr dunkelglänzendes Gewand. Doch auch anspruchslose Gräser finden ihre spärliche Nahrung auf geeigneten Fleckchen. So ist dieser Brockengürtel, der im Norden und Nordosten fast die Form der Hochebene annimmt, zugleich die Region der Viehhöfe.

Bei weiterem Ansteigen gelangen wir in die Region der Brüche und Moore, zu denen außer dem Brockenfelde das Jakobs-, das Landmannshohne- und das Hannekenbruch gehören. Nur einige Forsthäuser liegen in dieser Einöde.

Und nun noch ein kräftiges Ansteigen durch wirre Klippenfelder, die wunderlich gestaltete Fichten tragen, wie sie sich eignen würden für die Faust des Wilden Mannes auf unseren Münzen; das Wurzelwerk oft hochhin freistehend oder eingekeilt von Felsengebröckel, der Stamm knorrig und wetterhart, in dichte Moosdecke wie in wärmenden Pelz gehüllt, der Gipfel fast immer gebrochen oder in Knickung seitwärts gelenkt, die zerzausten Zweige fest anliegend, dicht mit weißgrauer Flechte bedeckt und hie und da mit langen Zotten der Bartflechte behangen; und unter jedem Steine fast und jedem Baume flüstert geschwätzig und surrt und brodelt das quellende Wasser. Doch schon befinden wir uns auf dem abgerundeten Gipfel des Brockens (Abb. [44]). Schneidend fegt der Wind über die baumlose Kuppe, Wolken umtanzen gespensterhaft die Granitkolosse, für die man die Namen Teufelskanzel, Hexenaltar, Hexenwaschbecken erfunden hat, und plötzlich umfängt uns beängstigend der dichte Nebel. Beschleunigten Schrittes eilen wir dem gastlichen Brockenhause zu. Welche Enttäuschung! Vielleicht werden wir — wie sogar der Oberlehnsherr des Brockens König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin am 31. Mai 1805 — den Rückweg antreten müssen, „ohne etwas gesehen zu haben“.

Doch ruhig nur! uns ist der Vater Brocken hold. Sieh, da kommt ein Riß in die Wolken, und durch den Spalt erblicken wir wie durch eine Waldschneise sonnbeschienen, hellstrahlend das herrliche Fürstenschloß Wernigerode und darüber in dem hellen Streifen Türme und Dörfer bis in die weite Ferne. Da saust eine neue Wolke herein, und das Bild ist verschwunden. Aber wie durch Zauberkunst thut bald hier bald da ein andrer Wolkenspalt sich auf, jetzt über das Brockenfeld hinaus bis nach Klausthal, jetzt gar bis nach dem Possenturm bei Sondershausen, dem Gothaer Schlosse und dem Inselsberge.

Und nun legt sich der Wind, und die Sonne beginnt den Kampf mit den Wolken und erringt den Sieg: schon ist der Brockengipfel frei, und rings an der Kuppe sinkt der Nebel tiefer und tiefer. Wir stehen auf einer hellbeleuchteten Insel im weiten, wallenden Wolkenmeere, jetzt tauchen auch Königsberg und Heinrichshöhe auf und verbinden sich mit dem Brocken. Wurmberg, Acker, Kahlenberg und andre Inseln erscheinen, die Buchten werden kleiner, die Halbinseln wachsen, der ganze Oberharz wird zum Festlande. Mählich tritt dann der Nebel auch im Südosten zurück, der Unterharz taucht auf, und nun liegt das ganze Gebirge so klar, so wunderschön vom weißen Meere unabsehbar umflutet und umspült, — ein entzückendes Schauspiel. „Heiterer, herrlicher Anblick!“ jubelt unser Goethe, „die ganze Welt in Wolken und Nebel, und oben alles heiter!“