Abb. 82. Suderode.
(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)
Auch das Relief des Brockengebirges, das man vom 18 Meter hohen Turm gewinnt, ist unter allen Umständen interessant. Die Brockengruppe im engeren Sinne, von der Kalten Bode, der Ecker und der Ilse begrenzt, umfaßt außer dem Brocken die 1045 Meter hohe Heinrichshöhe und den 1030 Meter hohen Königsberg, seine beiden „Schultern“. Im weiteren Sinne gehören zum Brockengebirge namentlich noch: im Norden der Pesekenkopf (645 Meter), der Scharfenstein (696 Meter), der Meinekenberg und der Sandthalskopf; im Osten der Gebbersberg (685 Meter), der Renneckenberg mit den wilden Zeterklippen (929 Meter) und den nicht weniger wilden Hohneklippen (902 Meter), der Erdbeerkopf (857 Meter) und der Arensklint; im Süden der Barenberg mit den Schnarcherfelsen, der große und kleine Winterberg (902 und 837 Meter) und der Wurmberg (968 Meter).
Abb. 83. Gernrode.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Abb. 84. Inneres der Cyriakikirche zu Gernrode.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Bei völlig klarem Himmel, wie ihn wohl ein heller Wintertag oder ein Sommertag, dem eine recht warme Nacht vorangegangen ist, bieten kann, umfaßt der Gesichtskreis mehr als den 200. Teil von Europa, und zwischen den 250 Kilometer voneinander entfernten äußersten Punkten — wie dem Rhöngebirge und dem Hagelsberge bei Brandenburg, oder dem Kolm bei Oschatz und der Westfälischen Pforte — kann man nach des Brockenwirts Nehse Verzeichnis 89 Städte und 668 Dörfer erkennen. „Ja, man könnte das Meer sehen, wenn es möglich wäre,“ sagt treuherzig der alte Happel. Wir aber begnügen uns, in der endlosen, einförmigen Ebene, in der Hügel und Berge wie Maulwurfshaufen untergehen, die Türme von Hannover und Braunschweig, von Leipzig und Halle, von Magdeburg und Stendal und einigen andern Städten, das Schloß zu Gotha und die Wartburg, den Petersberg und die Gleichen, den Herkules auf der Wilhelmshöhe und den Klüt bei Hameln zu erkennen und richten von den in der Ferne mit etwas auffälligeren Strichen eingetragenen Bergketten des Meißner, des Westerwaldes, des Rothaargebirges, des Vogelsberges, der Rhön, des Thüringerwaldes und des Süntels, um dem Auge abschließend einen sammelnden Ruhepunkt zu bieten, noch einmal auf das Brockenfeld und die Außenkuppen und Thäler des Brockengebirges.
Dieser tadellose Rundblick bei völlig wolkenfreiem Himmel ist keineswegs das Schönste, was der Brocken bietet, aber zu verachten ist er doch auch nicht. Was hat man „an diesen langen charakterlosen Horizontallinien, die dick aufeinander liegen, ohne Anfang und Ende? Da ist gar nichts, was sich hebt und die Aufmerksamkeit zusammenhält und leitet, kein Vorgrund, kein Mittelgrund, kein Gedanke von Einheit des Ganzen. Die Kirchtürme sind angeklebt an die Wiesen wie behauene Balken, und das Licht schiebt sich dick und gleichförmig über das alles weg.“ So sagt Leopold von Buch, der berühmte Geologe, in seinem launigen Vortrage vom Brocken freilich, aber wenn er abschließend fortfährt: „Nicht die Schönheit, nicht die Ferne der Gegenstände“ ist es, was uns auf dem Brockengipfel so mächtig bewegt, „sondern die Wirklichkeit, die Wahrheit und das aus ihr hervortretende lebendige Gefühl der Freiheit“, so müssen wir ihm zustimmen.