Von überwältigendem Eindruck kann ein Besuch des Brockens im Winter werden, wenn der sich in Rauhreif umsetzende Nebel nicht nur jede einzelne Tannennadel gleichsam überzuckert hat und die teilweise ineinander geflossenen, in der Sonne glitzernden und blitzenden Krystalle und Eisdiamanten die Form des Baumes überwältigen, so daß die wunderbarsten Gestalten, die Märchen und Phantasie ersinnen können, manche fast gespensterhaft und beängstigend, uns rechts und links erwarten und einander ablösend begleiten. Aber auch schon die bloße Schneedecke hebt das Bild, das der Brocken uns bietet, gar wirkungsvoll. Und wer ein Gewitter dort oben erlebt — vom Brockengespenst gar nicht zu reden — dem wird der Tag für immer unvergeßlich sein.

Wenn sich außer den nach Schätzen suchenden Venedigern auch einzelne kühne Jäger und andere ortskundige Waldleute schon verhältnismäßig früh ausnahmsweise auf den „Brakenberg“ hinaufgearbeitet haben mögen — eine dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts angehörende Hand berichtet in einem Zusatz zu der Abhandlung „von der Herkunft der Sachsen“ von einem Quell auf seinem höchsten Gipfel — so ist doch der berühmte Arzt und Botaniker Johann Thal († 1583) der erste dem Namen nach bekannte Brockenbesucher, und erst im achtzehnten Jahrhundert wurden die Brockenfahrten häufiger. 1736 ward deshalb auf dem Gipfel das Wolkenhäuschen, 1743 auf der Heinrichshöhe zunächst für Torfstecher, und 1800 auf dem Brocken selbst ein Gasthaus und 1835 der erste Turm erbaut. Die Zahl der Besucher stieg von 138 im Jahre 1753, 292 im Jahre 1778 auf etwa 30000 im Jahre 1896: seitdem aber führt das Dampfroß (Abb. [45]) im Sommer ungezählte Scharen hinauf, und die Verallgemeinerung des selbst im Oberharze noch vor wenigen Jahrzehnten unbekannten Schneeschuhsports (Abb. [46]) macht den Brocken auch im Winter zugänglicher und seine Besteigung weniger gefährlich.

Vom Thüringer Wendelin Helbach, Thals Zeitgenossen, an hat manch Dichter den Brocken besungen, aber ein Denkmal für alle Zeiten hat ihm, und zwar ihm allein unter allen deutschen Bergen, Goethes gewaltige, Natur und Sage zur Einheit verschmelzende Dichtung im „Faust“ gesetzt.

Abb. 85. Alexisbad.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Fußnote:

[1] Die Ansicht einiger, daß Fichte und Kiefer erst in geschichtlicher Zeit (aus dem Vogtlande, sagt Hampe noch dazu) in den Harz eingeführt seien, ist grundfalsch.

XIII.
Radau, Ecker und Ilse.