Das Brockenfeld entsendet nach Norden zwei jugendlich übermütige Flüßchen, die Radau und die Ecker.

Die Stelle, wo die Radau nach kurzem Laufe aus dem Gebirge tritt, ist die schönste im Westharze. Steil fallen die hohen und mannigfaltig geformten, mit freundlichem Buchenwald bewachsenen Berge zu der jungen Stadt Harzburg ab (Abb. [47]), die sich mit ihren großartigen Gasthöfen (Abb. [48]) und glänzenden Villen dazwischen und davor lagert, und bieten mit dieser vor allem dem Wanderer, der vom Ahrendsberger Forsthause oder auch vom Torfhause über den „Dreckpfuhl“ kommt, ein überraschend prächtiges Bild. Und ein Gang durch dies vornehmste unserer Bäder über die der Gesellschaft zum Sammelpunkt dienenden „Eichen“ an der plätschernden Radau und weiter an den großen Gabbrobrüchen hinauf bis zu den Radaufällen (Abb. [49]) und zurück über das Molkenhaus gehört zu den lohnendsten und lieblichsten Partien unseres Gebirges.

Der Burgberg.

Der Burgberg, der zweimal eine Kaiserburg trug, ist mit seinen 482 Metern nicht der höchste und weitschauendste, aber durch seine hart vorspringende Lage und seinen finstern Tannenwald der bedeutendste und wirksamste. Trotz seiner Steilheit ist er auf wohlgepflegten Fußwegen bequem zu ersteigen.

Die erste, von Heinrich IV. erbaute Burg ward im März 1074 von dem durch die aufständischen Sachsenfürsten aufgestachelten Pöbel schmählich zerstört. Die zweite, zum Schutz der Reichsstadt Goslar gehörend, erstand i. J. 1180 auf Befehl Barbarossas, der den Oberbefehl über die hineingelegten Reichsdienstmannen den Grafen von Woldenberg übertrug. Am 18. August 1218 endete hier beim Grafen Heinrich I. der Welfe Otto IV. sein Leben.

Im Jahre 1269 von den Grafen von Woldenberg an die Grafen von Wernigerode verpfändet, ward diesen die Burg hundert Jahre später von dem Herzog von Braunschweig in einer Fehde abgenommen. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts machten von hier aus die Herren von Schwiecheldt, die als Amtleute und Pfandinhaber auf der durch ihre Lage überaus festen Burg hausten, weit und breit die Lande durch ihre Räubereien unsicher, und erst den Bombarden der verbündeten Fürsten, Bischöfe, Grafen und Städte gelang es 1415, ihre Mauern zu brechen (Abb. [50]). Im dreißigjährigen Kriege in den Händen der Dänen, war sie ein Stützpunkt der Harzschützen. Aber 1650 wurden ihre 500jährigen Mauern auf Befehl des Herzogs in das Thal gestürzt und die Burg als Steinbruch benutzt. Nur geringe Mauerreste und der 57 Meter tiefe Brunnen sind von dieser berühmtesten aller Harzburgen auf unsere Tage gekommen. Aber Tausende von Fremden führt alljährlich die Erinnerung an die Geschichte dieser Stätte, auf der 1877 auch die „Canossasäule“ errichtet ist, mehr noch der, wenn auch beschränkte, doch hübsche Blick in das tiefe, schmucke Radauthal und über die zu den Füßen liegende Stadt hinaus auf Braunschweig und Wolfenbüttel mit dem Fallstein, dem Elm und der Asse im Hintergrunde auf die tannenumrauschte Höhe.

Nachdem die Radau noch Vienenburg bespült hat, dessen Domanialgebäude mit den Umfassungen auf den Mauern der alten Burg ruhen, gibt sie am Fuße des Harlyberges Namen und Wasser an die Oker ab.

Die Ecker hat ihre Quelle unter den Hirschhörnern unfern des zum Königsberge führenden schönen Goethe-Weges, in unmittelbarer Nachbarschaft des Bodesprunges. Ihr Thal wird von dem von Harzburg auf den Brocken führenden Fußwege bei der Dreiherrenbrücke (dem früheren Grenzpunkte zwischen Hannover, Braunschweig und Wernigerode) und von den von Harzburg nach Ilsenburg über die Rabenklippen (Abb. [51]) und durch den Schimmerwald führenden schönen Wegen oberhalb des Eckerkruges, der den Austritt der Ecker aus dem Gebirge bezeichnet, gekreuzt; doch auch eine Wanderung durch den ernsten, düsteren Fichtenwald den rauschenden, felsigen Bach entlang, hat in der erquickenden friedlichen Einsamkeit ihre Reize. An den Ruinen der Stapelnburg vorüber, auf der Graf Gerhard, mit dem 1383 das einst so berühmte Geschlecht der Woldenberger erlosch, seine letzten Jahre verlebte, wendet sich die Ecker der Oker zu.

Das Ilsethal.

Das eigentliche, echte Brockenkind ist die Ilse. Sie entspringt an der Heinrichshöhe und sammelt, rechts vom Renneckenberg begleitet, alle dem Brocken nordöstlich abströmenden Bächlein und Rinnsale. Wo sie in den Stromschnellen der Ilsefälle fröhlich und geschwätzig über die Felsgebilde tänzelt, wendet sie sich nordöstlich, durchbricht das großartige Felsenthor, das die Granitpfeiler des 460 Meter hohen, 150 Meter das Thal überragenden Ilsesteins und des gewaltigen Westerberges bilden, und eilt, immer noch mutwillig, aber etwas ruhiger, dem sich an den Gebirgsrand drängenden Flecken Ilsenburg zu.