Das Ilsethal ist wohl das anmutigste und lieblichste im ganzen Harze. Eine Wanderung von den „Roten Forellen“ an der klaren Ilse hinauf, deren silberne Wellen kühlend uns entgegenrauschen, bis zu den Ilsefällen (Abb. [52]), wo die Wasser, in denen die wunderschöne, alle Guten beglückende Prinzessin sich badet, sich bald zu einem breiten, glänzenden Spiegel ausbreiten, bald in zahllose Bänder aufgelöst, kraus die Felsen umschlingen, bald wild aufschäumend und zischend sich zwischen einengenden Felsen hindurchdrängen oder aus Steinspalten neckisch hervorsprudeln, gehört, wenn die Touristenschwärme nicht allzu sehr stören, zu den höchsten und nachhaltig wirkenden Genüssen im Harze. Auch den Ilsestein mit seinem Kreuze, dem vom Grafen Anton den im Befreiungskriege Gefallenen errichteten Denkmal, besteigen wir, so befriedigend auch die Aussicht in die liebliche Landschaft ist, vor allem doch nur, um auch von hier aus das unvergleichlich reizvolle Thal zu genießen. Vielleicht setzen wir aber unsern Spaziergang noch um ein Kleines fort, um unter den schattigen Eichen der 530 Meter hoch gelegenen Plessenburg ein Viertelstündchen zu rasten und uns dabei des vom Förstertöchterchen verschmähten Ernst Schulze, des Dichters der „Bezauberten Rose“ und der „Cäcilie“, zu erinnern.

Ilsenburg.

Im Flecken Ilsenburg (Abb. [53]), der sich in das stimmungsvolle Bild des Thales harmonisch einordnet, zieht uns von allem das fürstliche Schloß an, das außer einem Neubau auch die stilvoll restaurierten Überreste der romanischen Klosterbauten umfaßt. Ursprünglich ein königliches Besitztum, wurde die Elysinaburg unter der Gunst der Kaiser Otto II. und Heinrich II. vom Halberstädter Bischof Arnulf in ein Kloster umgewandelt, das schon unter dem Abte Herrand, dem Neffen des Bischofs Burchard zu hoher Blüte gelangte, später aber unter Kriegen und Fehden schwer zu leiden hatte. Am 1. Mai 1525 von den Bauern erstürmt, wurde es von seinem erlauchten Schirmherrn nach Annahme der Reformation in eine Schule umgewandelt, die erst unter den Schrecken des dreißigjährigen Krieges zu Grunde ging. Eine neue, bessere Zeit hatte sich aber bereits dadurch vorbereitet, daß Graf Heinrich das Kloster 1609 zum Witwensitz für seine Gemahlin ausbaute, und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war es sogar Residenz des regierenden Grafen.

Abb. 86. Mägdesprung.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

XIV.
Die Holtemme.

Während die Ilse noch der Oker und damit der Weser zuströmt, gehört die am Renneckenberge entspringende Holtemme bereits der Bode und also dem Elbegebiete an. Fast so eilfertig wie die Ilse, hat sie nächst dieser (1 : 10½) das stärkste Gefälle (1 : 18) von allen Harzgewässern. Durch einen unter den wilden Hohneklippen, welche die Hochebene um 400 Meter steil überragen, entspringenden Bach verstärkt, hat sie ihren Glanzpunkt in der Steinernen Renne (Abb. [54]): in einer engen, finstern Waldschlucht stürzen ihre fast zu Schaum sich auflösenden Wasser in einer langen Reihe von Kaskaden, die zur Zeit der Schneeschmelze oder nach einem kräftigen Gewitterregen wohl an alpine Wasserstürze erinnern können, über die von Granitblöcken gebildeten Terrassen wild in das Thal hinab.

Wernigerode.

Von rechts vereinigt sich mit dem Thal der Holtemme das Drängethal, in welchem Chaussee und Eisenbahn von Wernigerode aus über „Drei Annen-Hohne“, die Hochebene, Schierke und den Brocken erklettern. In dem bei der Vereinigung sich weitenden und seine Schönheit einbüßenden Thale erstreckt sich unendlich lang das Dorf Hasserode, ein Vorort Wernigerodes, und im rechten Winkel dazu setzt sich östlich an die Stadt der Flecken Nöschenrode, der sich fast in gleicher Länge im Zillier- (oder Mühlen-) Thale hinaufzieht. Der Zillierbach hat seine Quellen südlich von den Hohneklippen am Erdbeerkopfe und wird auf seinem linken Ufer von nicht unbedeutenden Höhen, dem 535 Meter hohen Salz- und dem 518 Meter hohen Hilmarsberge, begleitet, sein Thal hat aber, im Gegensatz zum Thal der Holtemme, unterharzischen Charakter.