Abb. 87. Anhaltischer Thaler von 1861.
Auf mächtigem, waldigem Berge erhebt sich, 120 Meter über der Stadt, inmitten herrlicher Gärten und Parkanlagen, mit stattlichen Türmen und blinkenden Zinnen das fürstliche Schloß (Abb. [55]), ein prachtvoller Neubau, in den sich die benutzbaren Reste der alten Grafenburg harmonisch einfügen. Entzückend schön ist dort oben der Blick über die reizvollen Waldthäler, unter denen das Christianenthal (Abb. [56]) mit seinen Teichen und Wiesen, seinen Weiden und Riesenfichten sich durch Lieblichkeit auszeichnet, in die tannengekrönten Harzberge bis hin zum alles beherrschenden Brocken und über die stattliche Stadt zu Füßen hinweg in die weite, lachende Ebene mit den dicht hingestreuten Ortschaften. Nimmt es unter den Harzschlössern jetzt entschieden die erste Stelle ein, so werden ihm überhaupt nur wenige Bergschlösser in Bau und Lage an Schönheit gleichkommen.
Die erste Burg über dem von einem unbekannten Werniger angelegten Dorfe erbaute zwischen 1117 und 1121 der Graf Adalbert von Haimar und schrieb sich seitdem Graf von Wernigerode. Als dessen Nachkommen am 3. Juni 1429 mit dem Grafen Heinrich ausstarben, gingen die Besitzungen des Geschlechts an die mit ihm erbverbrüderten Grafen zu Stolberg über. In den nächsten Jahrhunderten war Wernigerode nicht die ständige Residenz des regierenden Grafen, sondern meistens nur der Wohnsitz der jüngeren Söhne und Brüder; doch feierte Graf Wolfgang, das Haupt der Familie, hier im Juni 1541 seine Vermählung mit der Gräfin Dorothea von Blankenburg. Erst Graf Christian Ernst, der 1712 nach dem Tode seines Oheims Ernst zur Regierung kam, versetzte die Hofhaltung von Ilsenburg, das seit der Erbteilung von 1645 Residenz geworden war, dauernd nach Wernigerode. Die von seinen Brüdern begründeten Linien Gedern und Schwarza erloschen 1804 und 1748, so daß die reichen Besitzungen des durchlauchtigen Hauses wieder sämtlich vereinigt sind.
Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich von 4036 im Jahre 1813 auf 11600 im Jahre 1900 gehoben. Damals durch ihre engen, schmutzigen Straßen mit abscheulichem Pflaster bekannt, gehört „die Stadt vor dem Brocken“ (Abb. [57]) mit ihren ansehnlichen, schmucken Neubauten, ihren breiten, wohlgepflegten Straßen, mit denen schöne Promenaden wetteifern, jetzt entschieden zu den schönsten unserer Harzstädte. — Von mittelalterlichen Bauwerken hat sich außer dem stilgerechten Rathause (Abb. [58]) von 1498 noch manches interessante Wohnhaus erhalten, von denen besonders das Gadenstedtsche aus dem Jahre 1582, das Gotische und das Frankenfeldsche der Besichtigung wert sind (Abb. [59]). Von Wernigerode wendet sich die Holtemme über Halberstadt der Bode zu.
Halberstadt.
Der berühmte Bischofssitz Halberstadt (Abb. [61]) ist eine der ältesten Städte in unsern Gegenden und trägt in seinen alten Straßen ein ehrwürdiges, mittelalterliches Gepräge. Besonders interessant ist der in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in Fachwerk erbaute Ratskeller am Fischmarkte. Ihm gegenüber erhebt sich das altertümliche Rathaus (Abb. [60]), ein gotischer Steinbau aus der Zeit von 1360 bis 1381 mit späteren, jedoch die Wirkung des Bildes nicht störenden Anbauten. Den Domplatz, an dem auch der Petershof, die frühere Residenz der Fürstbischöfe, liegt, begrenzen zwei alte Gotteshäuser, die mit vier Türmen gezierte romanische Liebfrauenkirche, deren älteste Teile fast bis zum Jahre 1000 zurückreichen, und der majestätische Dom (Abb. [62]), das herrlichste, großartigste Gotteshaus der Harzlande: bald nach dem Jahre 1179, in dem Heinrich der Löwe die erste bischöfliche Kirche niederbrannte, begonnen, konnte er erst 1491 geweiht werden, und die Türme, an denen auch gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, sind gar erst vor wenigen Jahrzehnten in Abschluß der 1847 angefangenen Restauration der Kirche in ihrer ganzen Höhe fertig gestellt. Wie vor dem Rathause ein riesengroßer Roland, so befindet sich vor dem Dome der Lügenstein, das Wahrzeichen der Stadt. Hinter dem Domchor liegt das einfache Haus des „Vaters“ Gleim, der hier von 1747 bis 1803 als Domsekretär lebte. In seinem „Freundschaftstempel“ umschließt es mehr als hundert Bildnisse von Dichtern und Schriftstellern, Fürsten und Helden, einst fast alles Gäste dieses Hauses, sowie ihren Briefwechsel mit Gleim und eine wertvolle Bibliothek.