Dem Klostergut Michaelstein gegenüber, das jetzt ein Vorwerk der Domäne Heimburg bildet, steigt 100 Meter hoch aus der Ebene der Regenstein (Abb. [65]) auf, ein 2 Kilometer langer Quadersandsteinfelsen, eine natürliche Festung mit ruinenartigen Türmen und Thoren. An der kleinen Roßtrappe, einer interessanten Felsbildung, vorüber, gelangen wir an die Trümmer der um das Jahr 1100 erbauten Grafenburg. Alle Gemächer, auch die im Anfange dieses Jahrhunderts zum Tanzsaal entweihte Kapelle, sind in den gewachsenen Felsen eingehauen, von den auf den jäh abstürzenden Platten und Kuppen einst vorhanden gewesenen Türmen, Mauern und Gebäuden sind nur noch Spuren vorhanden.

Blankenburg.

Das mächtige Grafengeschlecht, dem auch die Linien Blankenburg und Heimburg angehören, beherrschte nicht nur das heutige braunschweigsche Fürstentum Blankenburg, sondern besaß auch noch einen großen Teil der Vorlande des Harzes, und die ihm zustehende Edelvogtei des Kaiserstiftes Quedlinburg verlieh ihm noch besondere Bedeutung und Glanz. Da begannen im vierzehnten Jahrhundert die Bischöfe von Halberstadt, vor allem Albrecht V. aus dem Hause Braunschweig, mit großer Beharrlichkeit die Grafen aus ihrer Machtstellung im Harzgau zu verdrängen. Nicht ohne Bewunderung und Teilnahme kann man das mannhafte, aber unglückliche Ringen der Grafen gegen den mächtigen Nachbar, der auch unwürdiger Waffen sich zu bedienen keinen Anstand nahm, ihr einmütiges Zusammenhalten im Kampfe um ihr gutes Recht im einzelnen verfolgen, und der Heimburger Albrecht III., den die Volkssage als den Raubgrafen bezeichnet, diesen thatkräftigsten aller Regensteiner, der auch in der Notwehr das Recht des andern achtet, darf unsrer wärmsten Sympathie sicher sein, wenn wir ihn 1348 unter tückischem Schwert verbluten sehen.

Albrechts Nachkommen verarmten im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert trotz aller Sparsamkeit — Graf Ulrich verbrauchte für seine Person jährlich nur 939 Gulden — mehr und mehr, und am 4. Juli 1599 ging still und ruhmlos, in Elend und Dürftigkeit, von niemanden beklagt, von niemanden beachtet, der Letzte des Grafenstammes zu Grabe, der einst zu den mächtigsten, geachtetsten und gefürchtetsten gehört, der Hunderte von Rittern, Kirchen und Klöstern mit reichen Besitzungen beschenkt und beliehen hatte, dessen Waffen einst im fernen Norden ebenso laut und siegreich erklangen wie im fernen Süden am Grabe des Erlösers.

Im Jahre 1670 bemächtigte sich der Große Kurfürst als Inhaber des Bistums Halberstadt des Regensteins und begann nach Fargells Plane den Umbau der Festung, der sich 50 Jahre lang hinzog. Die zahlreichen in den Felsen gesprengten Kasematten rühren aus jener Zeit. Aber als sich die Festung im Ernstfalle nicht bewährte — zweimal fiel sie im siebenjährigen Kriege in die Hände der Franzosen — ließ Friedrich sie schleifen, die Mauern bis auf den Boden, die Gebäude bis auf den Grund zerstören. Noch heute ist der Regenstein eine preußische Enklave im braunschweigischen Gebiete.

Einer Lilie gleich im Kranze grüner Waldberge, die sie im Halbkreise umgeben, leuchtet die Blankenburg (Abb. [66]) von dem hellen Kalkfelsen des Blankensteins weit hinaus in die Vorlande.

Während alle andren Randstädte des Harzes am Ausgange eines Flußthales liegen, steigt Blankenburg (Abb. [67] u. [68]), als wollte es an die schützende Burg sich anschmiegen, terrassenförmig, wie aus südlichen Landen hieher versetzt, den Schloßberg hinan. Vom hochgelegenen Marktplatze, an dem wir das in seinem ältesten Teil schon aus dem Jahre 1233 stammende Rathaus betrachten, klimmen wir auf 76 Stufen zur Bartholomäuskirche hinauf, von der ehemals statt des jetzigen steilen Weges eine Treppe von 266 Stufen zur Schloßrampe hinaufführte.

Die älteste Blankenburg fand ihren Untergang in den Kämpfen Heinrichs des Löwen und Kaiser Barbarossas. Das neue Schloß, anfangs ein einfacher Bau, ward im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, als es den Grafen auf dem Felsenneste im Regenstein ungemütlich wurde, bedeutend erweitert und umgebaut, doch brannte 1546 das „Haupthaus“ in einer entsetzlichen Feuersbrunst, aus welcher Graf Ulrich, ohne seiner erstickenden Gemahlin helfen zu können, kaum das Leben rettete, wieder nieder; und kaum war nun endlich 1595 der Bau vollendet, da schloß der letzte Blankenburger, ein Knäbchen von drei Jahren, die Augen.

Im Jahre 1690 wurde Blankenburg, sehr zur Freude und zum Vorteil der durch den dreißigjährigen Krieg schwer geschädigten Bürger, ständige Residenz. Herzog Ludwig Rudolf schlug hier seinen glänzenden Hof auf und suchte Ludwig XIV. in üppigen Festen und Jagden und Komödien zu überbieten und was sonst an Zeit noch blieb, mit Pegnitzer Schäferspielen und adeligen Bauernhochzeiten auszufüllen. Und als die älteste Prinzessin die Gemahlin des (späteren) Kaisers Karl VI. und die zweite die des russischen Thronfolgers Alexei ward, gestaltete sich die Hofhaltung noch luxuriöser. Doch bald waren die Tage des Glanzes vorüber, denn als Ludwig Rudolf 1731 auch Braunschweig erbte, verlegte er dahin seine Residenz.

Daß die Kaiserin Maria Theresia einen großen Teil ihrer Kinderjahre bei den Großeltern in Blankenburg verlebt hatte, kam der Stadt im siebenjährigen Kriege zu gute: die österreichischen Truppen mußten sie schonend behandeln.