Abb. 98. Mansfelder Thaler von 1862.

Wir kehren noch einmal nach Thale zurück, um durch das waldumkränzte Steinbachthal über die Georgshöhe (386 Meter) nach dem mit seinen Obstgärten idyllisch in den Laubwald des Wurmbachthales eingebettete Dorf Stecklenberg zu wandern, das sich, noch frei von Kurhäusern und Villen, seine jungfräuliche, ländliche Anmut und Einfachheit bewahrt hat. Und von den benachbarten Ruinen der Stecklenburg und der höheren Lauenburg, von deren noch besteigbarem Turme (348 Meter) man auch den fernen Brocken über den dichten Massen saftgrünen Buchenwaldes erblickt, weht ein romantischer Hauch über das friedliche Dorf.

Gernrode.

Den Gebirgsrand entlang schreitend, gelangen wir an zwei schwesterlich aneinander geschmiegte Orte, das preußische Dorf Suderode (Abb. [82], 198 Meter) und das anhaltische Städtchen Gernrode (Abb. [83], 224 Meter), die zusammen etwa 4500 Einwohner haben. Der lieblich am Waldsaum gelegene Kurort Suderode heißt nicht mit Unrecht das Harzer Montreux. Lieblich ist die Aussicht vom 314 Meter hohen Stubenberge in das waldumschlossene stille Hagenthal und auf das Hügelgelände um Quedlinburg mit etwa 40 Ortschaften; auch die Gegensteine, mit denen die Teufelsmauer nach langer Unterbrechung wirksam abschließt, reihen sich malerisch in das Bild ein. In das Innere von Gernrode lockt uns ein Prachtstück ersten Ranges, die einfach-derbe Stiftskirche, ein romanischer Bau aus dem zehnten Jahrhundert, wie es in dieser Vollständigkeit keinen zweiten in ganz Deutschland gibt. Im Jahre 959 vom Markgrafen Gero, dem gewaltigen und gewaltthätigen Besieger der Slaven, begonnen, ward sie erst von seiner Schwiegertochter Hedwig, der ersten Äbtissin des von ihm gegründeten vornehmen Frauenstiftes, vollendet. Nach mancherlei Unbilden früherer Zeit wurde die Kirche des im Jahre 1614 von Anhalt eingezogenen Stiftes 1832 mit dem Klostergute verkauft; nun wurden die Kreuzgänge zu Viehställen, die Krypta zum Kartoffelkeller, der Raum über der flachen Decke zum Getreideboden entweiht. Der Dank für die Erhaltung und Wiederherstellung gebührt dem edlen Fürstenhause Anhalt: Herzog Alexander Karl kaufte sie zurück, und er und seine Nachfolger ließen sie seit 1859 mit einem Kostenaufwande von 400000 Mark würdig restaurieren. Eine Basilika mit Querschiff und westlichem Turmbau, ist sie in ihren Formbildungen gewissermaßen ein Spiegel der Roheit, aber auch der Solidität des im zehnten Jahrhundert noch völlig von der Kultur unberührten kräftigen Sachsenstammes (Abb. [84]).

Abb. 99. Markt mit Luther-Denkmal und Andreas-Kirche in Eisleben.

Vor dem Kreuzaltar im Mittelschiff befindet sich die Grabstätte Geros. Das prächtige Denkmal in Sarkophagenform hat 1519 die Äbtissin Elisabeth von Weida (Reuß) durch einen Künstler der Nürnberger Schule anfertigen lassen. Diese Elisabeth, welche von 1504 bis 1532 regierte, ist die größte unter den Fürstinnen-Aebtissinnen von Gernrode. Auf dem Reichstage zu Worms ließ sie sich durch einen besondern Bevollmächtigten vertreten, erlangte 1521 vom Kaiser Karl V. die Bestätigung der Privilegien und trat in demselben Jahre noch als die erste aller reichsunmittelbaren Äbtissinnen, ohne sich durch die benachbarten Fürsten und Bischöfe irre machen zu lassen, zur Lutherischen Lehre über; und als 1525 der große Bauernkrieg auch die Gründung Geros mit Vernichtung bedrohte, trat sie unerschrocken und im Bewußtsein geistiger Überlegenheit den Aufrührern entgegen und brachte sie durch verständige Vorstellung zum Gehorsam gegen ihre Obrigkeit zurück.