Abb. 96. Mansfelder Georgsthaler von 1620.

Auf dem von der Bode unmittelbar bespülten, einem lieblichen Blumengarten gleichenden Gottesacker der Servatius- oder Schloßgemeinde lag der alte Königshof Quitelingen (d. i. Niederlassung auf der Flußgabel), von dem die Ottonen so oft das Reich regierten. Die angrenzende seit 1816 zur Scheune erniedrigte Sankt Wipertikirche ist die älteste weit und breit. Auf scharf von der Bode aufsteigendem Sandsteinfelsen erhebt sich neben dem aus dem sechzehnten Jahrhundert stammenden Schlosse der Äbtissinnen, dessen Einrichtung Hieronymus Napoleon zu Gelde gemacht hat, der wertvollste Schmuck Quedlinburgs (Abb. [78]), die lange vernachlässigte und erst in neuester Zeit wieder zu Ehren gekommene herrliche Schloßkirche, die als ein Wahrzeichen der Stadt weit in die Lande leuchtet. In ihrer Krypta ist König Heinrich I., ihr Erbauer, mit seiner Gemahlin beigesetzt. Die Oberkirche, eine frühromanische, dreischiffige Basilika mit gerader Balkendecke, stammt im wesentlichen aus der von 1070 bis 1129 reichenden Bauperiode, der Chor ist jedoch im vierzehnten Jahrhundert gotisch umgebaut. In der Cither, der zugleich als Sakristei dienenden Schatzkammer (Abb. [79]), werden unter andern Kostbarkeiten der von der Kaiserin Teophano geschenkte „Krug von der Hochzeit in Kana“, ein von König Heinrich I. geschenktes wertvolles Reliquienkästchen, mit Elfenbeintäfelchen ausgelegt, auf denen Scenen aus Christi Leben in Hochrelief dargestellt sind, und ein Bruchstück einer mit prachtvollen byzantinischen Miniaturen bedeckten Itala, der ältesten lateinischen Bibelübersetzung aufbewahrt. Unter der Kirche ziehen sich weite in den Sandsteinfelsen eingehauene Grabgewölbe hin, in denen die Leichen nicht verwesen; besonders schön erhalten ist die der schönen Pröpstin Aurora von Königsmark, doch darf sie nicht gezeigt werden.

Die Vogtei über das auch nach der Reformation fortbestehende Stift ging 1697 von den Wettinern an Brandenburg über. Reichsunmittelbar war dieses dem Namen nach bis zu seiner Aufhebung und Einverleibung in Preußen im Jahre 1801.

Quedlinburg. Suderode. Gernrode.

Abb. 97. Mansfelder Thaler von 1811.

Vom Schloßplatze, an dem Klopstocks Geburtshaus aus dem sechzehnten Jahrhundert uns besonders anzieht, gelangen wir durch den „Finkenherd“ in die altertümliche Stadt mit ihren schönen Kirchen und dem mit wildem Wein dicht überwucherten im Jahre 1615 im Renaissancestil umgebauten Rathause (Abb. [77]). Um das Jahr 1000 mit Stadtrechten begabt und zur Zeit ihres blühenden Handels ein angesehenes Glied der Hansa, ist Quedlinburg, dessen Einwohnerzahl von 10000 im Jahre 1807 auf 23400 im Jahre 1900 gestiegen ist, heute vorwiegend Gärtnerstadt.

Die vielgetürmte Innenstadt, das aus dem „Westendorf“ hochragende Schloß, die neuen Vorstädte mit ihren Villen und Fabriken vereinigen sich mit dem Kranze der in allen Farben prangenden Fluren, dem Lustwäldchen des Brühls, in welchem dem Sänger des Messias und dem Geographen Karl Ritter Denkmäler (Abb. [80] u. [81]) errichtet sind, mit den mittelalterlichen Warten rings auf den Höhen und der Felsreihe der Teufelsmauer und den dunklen Harzbergen im Hintergrunde zu einem Bilde von eigenartiger Schönheit.