Aber auch der Weg von Thale an der schäumenden Bode aufwärts bis zu der über den Bodekessel führenden Teufelsbrücke, an der früher der Pfad endete, ist geeignet und ausreichend, das ob des zauberhaft schönen Bildes staunende Auge mit Wohlgefallen zu sättigen und das Herz mit heiligem Schauer zu erfüllen. Die tiefe, kühle Felsspalte (Abb. [75]), in welche die Sonne kaum herunterzublicken vermag, verengert sich Schritt für Schritt; hier sind die Seitenwände durch die Verwitterung zu seltsamen Zacken zersägt oder zu Gebilden umgestaltet, denen man die Namen Bodethor, Bergkanzel, Mönch hat geben können, dort scheint gar die Ruine einer ganzen Ritterburg am Felsen zu hängen; hier drohen die Felsenmauern herniederzubrechen, dort überbrückt der Pfad mühsam einen Abgrund; oft scheint die Schlucht sich völlig zu schließen, aber hinter der vorspringenden Wand öffnet sich, oft kesselartig, an der sich krümmenden Bode eine neue ebenso wilde und großartige Spalte.

Roßtrappe. Hexentanzplatz.

Auf dem Zickzack der Schurre ersteigen wir die Roßtrappe (375 Meter), genießen den glänzenden Rundblick vom Turme der „Winzenburg“, einer durch Gräber und andre Funde bezeugten vorgeschichtlichen Wallburg, und treten auf den 25 Meter unter dem Gasthause liegenden, von keines Menschen Hand erbauten Turm des Felsenthores, durch welches das wilde Harzkind in das Land hinaustritt. Kaum zwei Meter breit, aber auf sicheren Pfeilern ruhend, schiebt sich seine (vorgeschichtlich befestigte) Plattform aus dem Granitwalle näher an den Fluß heran, so daß das Auge unbehindert aufwärts und niederwärts in die Felsenwelt eindringen und 200 Meter tief in die Thalschlucht, aus der das Brausen und Rauschen der alten Bode wie leises Gemurmel unverdrossen heraufklingt, sich senken kann. Und siehe hier die Trappe, welche der Huf des Riesenpferdes in die harte Granitplatte, beim gewaltigen Sprunge quer über das Thal hart aufschlagend, eingegraben hat!

Abb. 95. Abteufen des Segengottes-Schachtes.
(Aus: Bilder aus dem Bergwerks- und
Hüttenbetriebe der Mansfeld'schen Gewerkschaft,
Verlag der Kuhnt'schen Buchhandlung [E. Graefenhan]
in Eisleben.)

Der zweite Pfeiler des Bodethores, der Hexentanzplatz (Abb. [76]), überragt den Roßtrappfelsen um 80 Meter. Der Blick in die Tiefe und in die zerspaltenen Granitwände und dann in die Höhe zum blauen Brocken, der sich unmittelbar auf die Felswand aufzusetzen scheint, und wieder in die lachende Ebene mit ihren Dörfern und Städten: das alles bewegt das Herz gewaltig und wunderbar, wenn anders die Flut der Gäste, die nur auf dem Brocken noch größer ist, uns den Genuß nicht verkümmert.

Thale. Quedlinburg.

Ehe wir der Bode von dem 9600 Einwohner zählenden Dorf Thale, mit dem als Sommerfrische ersten Ranges nur noch Harzburg und Schierke konkurrieren, nach Quedlinburg folgen, werfen wir zur Linken einen Blick auf die Teufelsmauer. Vom Blankenburger Schlosse durch einen tiefen Einschnitt getrennt, zieht sich dem Harzrande parallel ein schmaler Bergzug nach Osten, dessen bewaldeter Abhang der Heidelberg heißt. Auf dem Rücken selbst ragt ein wunderbares Felsenriff aus Quadersandstein in vielen Unterbrechungen, hier anmutig mit Bäumen und Kräutern bewachsen, dort kahl und nackt, hervor. Wie von Riesenhand absichtlich zusammengewälzt, zeigt es sich hier als schroffe Klippe, senkt sich dort zerklüftet und zerteilt nieder, läßt sich streckenweise nur in zersplitterten, unordentlich umhergeworfenen Gesteinsbrocken verfolgen und verschwindet dann völlig, um in der Nähe der Bode, Thale gegenüber, wieder aufzutauchen. Die Sage bezeichnet diese Riesenmauer als ein Werk des Teufels, der sich mit Gott um die Herrschaft über die Erde stritt. Auf dem Löbbekensteige, der über den ganzen Zackenkamm führt, gelangen wir zu ihren besten Aussichtspunkten, dem Brockenblick und dem Großvater.