Seitwärts liegt auf einer 395 Meter hohen Ebene, die nach altem Spruche „Korn und Geld“ trägt, im Mittelpunkte von acht großen strahlenförmig von hier ausgehenden Straßen, das 4300 Einwohner zählende Städtchen Harzgerode, einst Residenz einer Linie des Hauses Anhalt, deren Glieder unter der Kirche ihre Ruhestätte gefunden haben. In dem derben, doch würdigen Schlosse, aus dessen Münze die schönen anhaltischen Ausbeutethaler und auch jüngere Münzen tadellosen Gepräges (Abb. [87]) stammen, befindet sich jetzt eine große Mineraliensammlung, welche seltene Prachtstücke aus den Gruben des Herzogtums enthält. Von Mägdesprung, wo die Eisenbahn sich an der Ruine der Heinrichsburg vorüber auf Gernrode wendet, schlängelt sich die Selke, von Wiesen besäumt, mäanderartig durch das breite, sich mehr und mehr vertiefende Thal, an dessen schönster Stelle, bei der Selkemühle, ein verbotener Aufstieg zu den spärlichen Trümmern der von Otto dem Reichen und seinem Sohn Albrecht dem Bären erbauten Burg Anhalt führt; und kurz vor ihrem Eintritt in das Flachland schaut der schimmernde Falkenstein 150 Meter auf die Thalsohle hernieder.

Um das Jahr 1080 erschlug Egeno von Konradsburg den Grafen Adalbert von Ballenstedt in hinterlistigem Überfall; zur Sühne dieses Mordes verwandelte sein Sohn Burchard die über Ermsleben belegene Stammburg in ein Kloster und erbaute sich die Burg Falkenstein, nach der er sich 1120 zum erstenmal benannte. Sein Enkel Graf Hoyer ließ um das Jahr 1230 auf dem Falkenstein durch den Schöffen Eike von Repgow aus dem Gewohnheitsrecht des alten Sachsenlandes und den Weistümern (Urteilen) der Freien- und Godinge den berühmten Sachsenspiegel zusammenstellen, der in seiner eigentlichen Gestalt in Norddeutschland, Preußen, Polen und einem Teil der russischen Ostseeprovinzen, in einer Nachahmung als „Spiegel aller deutschen Leute“ und dem auf diesem beruhenden Schwabenspiegel im übrigen Deutschland das nationale Gesetzbuch wurde. 100 Jahre später, 1332, verkaufte der letzte seiner Nachkommen, Graf Burchard, ohne die Rechte seiner an den Grafen Albrecht von Regenstein verheirateten Schwester Oda zu achten, die 1296 durch die Herrschaft Arnstein vergrößerte Grafschaft an den Bischof von Halberstadt, und die darob entbrennende, von dem Quedlinburger Julius Wolff im „Raubgrafen“ so anschaulich geschilderte Fehde vermochte daran nichts zu ändern. Wieder 100 Jahre später ging dann der Falkenstein, 1437 als Pfand-, 1449 als Lehnsbesitz, an die Herren von der Asseburg, die Nachkommen des zur Zeit des Kaisers Otto IV. hervorragenden Gunzel von Wolfenbüttel über, und diese „Grafen von der Asseburg-Falkenstein“ besitzen die noch immer bewohnbare Burg noch heute.

Abb. 102. Luthers Sterbehaus in Eisleben.

Falkenstein. Ballenstedt.

Niemals in Krieg und Fehde beschädigt, nie von Feuersbrunst heimgesucht, bietet das herrliche Schloß (Abb. [88] u. [89]) das einzige Beispiel im ganzen Harze, noch jetzt das völlig getreue Bild eines mittelalterlichen Grafensitzes dar. Dazu ist die Aussicht von der Galerie des gewaltigen runden Bergfrieds, der Blick auf das grüne Waldmeer mit den hochragenden Felsinseln des Rambergs und des Brockens und in das Flachland hinaus bis zu den Bergzügen des Huy und Hakel und zu den Domtürmen von Magdeburg wahrhaft entzückend.

An dem im schönen Parke belegenen Schlosse Meisdorf, dem jetzigen Grafensitze, über dem 275 Meter hoch die Reste des Klosters Konradsburg liegen, und an dem als Gleims Geburtsstadt bekannten Ermsleben, der Hauptstadt der Grafschaft, vorüber, strebt nun die Selke der Bode zu.

An der ihr vorher zufließenden Krummen Getel, dem „anhaltinischen Mäander“, liegt inmitten blumengeschmückter Gärten und einträglicher Obstplantagen 217 Meter hoch die freundliche, stille Stadt Ballenstedt (Abb. [91]), die Sommerresidenz des Herzogs von Anhalt.

Ballenstedt.