Der erste aus dem schwäbischen Geschlechte der Askanier, der sich nach Ballenstedt nennt und demnach auf dieser Burg wohnte, ist Esike, Graf im Schwabengau. Als dessen Sohn Adalbert auf dem Wege nach Aschersleben erschlagen wurde, wandelten seine Nachkommen — sein Sohn Otto der Reiche und sein Enkel Albrecht der Bär — den Stammsitz Ballenstedt in ein Kloster um und erbauten sich auf einer Höhe im Selkethal die Burg Anhalt, nach der jetzt das ganze Herzogtum genannt wird. Doch war das Kloster geräumig genug, neben Abt und Konvent auch dem Stifter und Schirmherrn einen Wohnsitz zu gewähren. Als Albrecht der Bär, der große Markgraf von Brandenburg, der nach völliger Niederwerfung der Wenden die verödeten Gegenden an der Elbe, Havel und Spree mit niederländischen und rheinischen Kolonisten neu besiedelte und den Rest der Wenden durch Einführung des Christentums, deutscher Sprache und deutscher Gesetze germanisiert hat, 1168 lebenssatt die Regierung seinem Sohne Otto übergab, zog er sich auf sein väterliches Erbschloß und Stift am Harze zurück und ist hier in Ballenstedt, wo er 1106 das Licht der Welt erblickt hatte, auch am 18. November 1170 verschieden und an der Seite seines Vaters Otto und seiner Mutter Eileke, der reichen Tochter des letzten Billungers, und seiner Gemahlin Sophie, der Schwester des mächtigen Grafen Hermann II. von Winzenburg, beigesetzt.

Nachdem das Kloster 1525 im Bauernkriege sein Ende gefunden hatte, diente es den Fürsten hin und wieder, namentlich zur Zeit der Jagden, als Absteigequartier, von 1627 an aber mehrfach auf Jahre als Residenz oder Witwensitz. In den Jahren 1704 bis 1720 bedeutend vergrößert, erfuhr das Schloß unter dem Fürsten Friedrich Albrecht, der 1765 hier dauernd seine Residenz nahm, eine völlige Umgestaltung; und nach all diesen Bauten, die dem Schlosse (Abb. [90]), dessen schönster Schmuck die edle, geschmackvolle Einfachheit ist, ein wahrhaft fürstliches Ansehen gegeben haben, ist vom Kloster außer Turm und Küche nicht viel mehr geblieben.

Die Gräber Albrechts und seiner Familie und jüngerer Glieder seines Geschlechts sind erst 1880 unter dem Glockenturm wieder aufgefunden; es sind sargähnliche in den Fels gehauene Höhlungen mit steinernen Deckeln.

Aus den Fenstern der mit wertvollen Gemälden älterer Meister (darunter Rembrandt und Van Dyck) geschmückten Zimmer hat man eine entzückende Aussicht. Aber auch auf der Terrasse in dem 1765 angelegten herrlichen Parke ist sie wunderschön. Hinter den scharf hervortretenden Felsen der Gegensteine breitet sich, mit Städten und Dörfern übersät, eine lebensvolle Landschaft aus; Quedlinburg und das ferne Halberstadt, links Blankenburg mit seinem hochragenden Schlosse und der Regenstein mit seinen verfallenen Türmen, rechts Hoym, Ermsleben und das Bernburger Schloß begrenzen den Horizont, hinterwärts lagert sich, von der Brockenkuppe überragt, das aufsteigende Gebirge mit seinen Wäldern, Bergen und Schluchten, — bei voller Beleuchtung, etwa an einem sonnigen Morgen nach einem Regentage, ein köstlicher Anblick!

VII.
Die Wipperlandschaft. — Mansfelder Bergbaugebiet.

Aus dem Gebiet der Selke treten wir in das der Wipper über, die sich in der Nähe von Bernburg in die Saale ergießt. Der erste ihr dienstbare Bach, die Eine, läuft, zumal wenn wir die bei Stangerode einmündende Leine als Hauptbach ansehen, von ihrer Quelle auf der Hochebene von Harzgerode bis Aschersleben der Selke in geringem Abstande parallel. Zwischen den beiden genannten Bächen liegt zwischen Kartoffelfeldern, auf baum- und poesieloser Ebene das ärmliche Dörfchen Molmerschwende, Bürgers Geburtsort, und links von der Leine das Dorf Pansfelde, das „Taubenhain“ einer fast vergessenen Bürgerschen Ballade. Oberhalb des hübsch von bewaldeten Bergen umschlossenen Stangerode finden wir bei der Einmündung des Wiebeeks in einem freundlichen Waldthale am Fuße des Hakeberges die interessanteste Wüstung des Harzes, das zuerst 1043 erwähnte Volkmannsrode: unter den weitschattenden Linden bei der Kirchenruine dieses schon ein halbes Jahrtausend verlassenen Dorfes wurde noch vor drei Jahrzehnten zweimal im Jahre das uralte Rügegericht gehegt, ein in unsere nüchterne Zeit fremdartig hineinreichender Rest des alten germanischen Gerichtsverfahrens. Ruine, Gerichtslaube und Linden werden auf Weisung der Herzoglichen Regierung noch jetzt mit Pietät erhalten.

Abb. 103. Luther-Denkmal in Eisleben.

Arnstein.