Aber das Eineflüßchen hat noch eine dritte Überraschung für uns bereit: unfern des Dorfes Harkerode erhebt sich auf steilem Felsen die Ruine Arnstein, eine der besterhaltenen unserer Lande. Da die Edlen von Arnstedt, die mit dem aus Württemberg stammenden Erzbischof Hanno von Köln eines Geschlechts waren, sich zuerst 1136 von Arnstein nennen, so muß die Burg damals erbaut sein. Es war ein angesehenes Geschlecht: ein Walther hatte eine Enkelin Albrechts des Bären zur Gemahlin, ein Gebhard, mütterlicherseits mit den Staufen verwandt, war lange Zeit Kaiser Friedrichs II. Stellvertreter in Italien. Graf Walther V., der letzte des Geschlechts, übergab 1296, um in den deutschen Orden einzutreten, die Herrschaft seinem Schwager Otto von Falkenstein. Die Nebenlinie der „Grafen von Barby“ erlosch erst 1659.

Durch Kauf 1387 in den Besitz der Grafen von Mansfeld gelangt, wurde sie 1530, als hier eine der Linien des „Vordernorts“ ihre Residenz nahm, gründlich restauriert. Aber zwei Jahrhunderte später war sie bereits Ruine. Die Mauern des fünfstöckigen Hauptgebäudes stehen noch 20 Meter hoch, und der riesige Rundturm ist noch auf 100 Stufen im Treppenturm zu ersteigen.

Unterhalb Stangerodes verflachen sich die Hügel, und Kornfelder verdrängen völlig den Wald. Doch folgen wir der Eine noch bis Aschersleben zu flüchtigem Besuche. Schon zur Zeit der Karolinger als Ascegeresleben in Thüringen in einer Schenkungsurkunde für das Stift Fulda erwähnt, hat sich die im Mittelalter mit Quedlinburg und Halberstadt stets eng verbündete Stadt zu einer der wohlhabendsten und gewerbfleißigsten der Harzlande entwickelt und zählt jetzt 27250 Einwohner. Neben dem Reichtum an Altertümern, mit denen ihre Schwesterstädte prunken dürfen, kann sie nur wenig mehr als die gotische Stephanikirche, das schöne Rathaus im Stile der Renaissance und die unbedeutende Ruine der schon 1140 zerstörten Askanierburg stellen.

Das Wipperthal.

Die Wipper, welche mit der Selke fast gleiche Länge und Richtung hat, entspringt am Ostabfall des Auerbergs, greift aber mit andern Quellbächen nach allen Seiten weit hinaus, im Norden bis Neudorf, im Süden fast bis nach Dietersdorf. Kurz vor dem Flecken Wippra vereinigt sie die in der Alten und der Schmalen Wipper gesammelten Wasser.

Ihr Oberlauf ist anmutiger als der der Selke; besonders wirkungsvoll ist die Bewaldung der Schmalen Wipper: auf der Sonnenseite Buchen, auf der Winterseite Fichten. Ein Prunkstück, wie es die Selke zwischen Alexisbad und Mägdesprung uns vorhält, hat die Wipper dagegen nicht aufzuweisen; aber ihr Thal von Wippra abwärts hält den Vergleich mit dem Selkethal unterhalb Mägdesprungs wohl aus, wenn auch die sanft gewellten Höhen das breite Wiesenthal nirgends um 100 Meter übersteigen. Ihr Gefälle bis Leimbach beträgt 1 : 156, das der Selke bis Meisdorf 1 : 104 (das der Bode von der Quelle bis zur Blechhütte bei Thale 1 : 77).

Wippra liegt mit seinen Feldern und Wiesen freundlich in üppige Wälder gebettet, hat aber außer spärlichen Resten einer Burg nichts von Bedeutung aufzuweisen. Doch bald schon schimmert über prachtvolle Laubwälder das schöne im dreizehnten Jahrhundert erbaute Schloß Rammelburg, halb Brandruine, halb bewohnt, auf einem von drei Seiten umflossenen Bergvorsprunge sich mitten in das Thal schiebend, uns entgegen. Mögen andre Harzschlösser mit der Rammelburg um großartige Schönheit streiten, aber diese thalauf und -ab fast gleich wirkungsvolle Schaustellung ist nur dieser eigen. Und wenn andre Burgen uns aus alter Zeit des Interessanten viel zu berichten wissen, so erinnert uns die Rammelburg an zwei schlichtbürgerliche bedeutende Männer der neueren Zeit: der große Forstmann Pfeil, der „Erzieher des deutschen Waldes“, ist hier als Sohn eines Justizamtmannes geboren, und in der Schloßkapelle ist Hermann August Francke getraut.