Kandaules.
Bösewicht!

Gyges.
Und jetzt noch schauert's durch die Seele mir,
Als hätt' ich eine Missetat begangen,
Für die der Lippe zwar ein Name fehlt,
Doch dem Gewissen die Empfindung nicht.
Ja, wenn ich dir den schnöden Totenring,
Den du mir wieder aufgesteckt, im Zorn
Nicht vor die Füße warf, anstatt mich seiner
Zur raschen Flucht noch einmal zu bedienen,
So unterließ ich's bloß aus Scheu vor ihr.
Ihr wollt' ich das Entsetzen sparen, ihr
Die ewige Umschattung ihres Seins,
Dir nicht—Verzeih's, mich fieberte—die Tat!

Kandaules.
Du bist ein Tor!

Gyges. Ein Tor!
Es trieb mich fort,
Als müßte sich, wenn ich noch länger weilte,
Ein neuer reinrer Sinn in ihr erschließen,
Wie vor Aktäons Spähn in Artemis,
Und ihr, wie der, verraten, was geschehn.
So werd ich nicht nach einem Morde fliehn.

Kandaules.
Doch war's kein Mord!

Gyges.
Wer weiß! Die Götter wenden
Sich vom Befleckten ab! Wie, wenn sich jetzt
Die goldne Aphrodite, schwer beleidigt,
Von ihrer liebsten Tochter wenden müßte,
Weil sie ein Blick aus fremdem Aug' entweiht!
Sie tut's nicht gern, sie säumt noch, weil sie hofft,
Daß eine rasche Sühne folgen wird,
Oh, Göttin, lächle fort! Ich bringe sie!

Kandaules.
Das sprach der Grieche.

Gyges.
Herr, gewähre mir
Die letzte Bitte!

Kandaules. Tausend, wenn du
willst,
Nur nicht die letzte! Diese kommt zu früh!

Gyges.
Nimm mich als Opfer an! Ich schenke dir
Mein junges Leben! Weis es nicht zurück!
Es sind noch viele schöne Jahre mein,
Und jedes wird dir zugelegt, wenn du
Sie am Altar des Zeus empfangen willst!
So folge mir, daß ich mit einer Hand
Dich fasse und mich mit der anderen
Durchstoße, wie der heil'ge Brauch es fordert:
Frohlockend, ja mit Lächeln, soll's geschehn.