Kandaules.
Fast reut mich, was ich tat! Hier Raserei
Und drinnen Argwohn—Ei!
Gyges.
Was zögerst du!
Wie oft ward solch ein Jünglingsopfer willig
Nicht einem Kriegesfürsten dargebracht,
Wenn ihn des Todes Schatten auch nur streifte,
Wie oft nicht einem bloßen Wüterich!
Warum nicht einmal einem Seligen,
Warum nicht dir, damit du lange noch
Beglücken und dich glücklich fühlen kannst!
Mir raubst du nichts! Was hab ich, und was kann ich
Erlangen, sprich? Doch dir gewinnst du viel,
Denn neidisch sind die Götter, und vielleicht
Zerschneidet dir die eifersücht'ge Parze
Nur allzu schnell den goldnen Lebensfaden,
Indes sie meinen tückisch weiterspinnt.
Komm ihr zuvor und gib der Lust die Dauer,
Die sie der Qual bestimmte! Tu's sogleich!
Kandaules.
Nichts mehr davon! Du weißt, was du mir bist!
Und würd' ich auf der Stelle auch ein Greis
Mit trocknen Lippen und mit welken Adern,
Ich borgte mir nicht neue Glut von dir!
Gyges.
Doch würdest du dabei auch jetzt nichts wagen,
Denn könnte ich mein Blut mit deinem mischen:
Wie heiß es sei, es bliebe, wie es ist!
Kandaules.
Du bist in dieser Stunde noch verwirrt,
Und weißt nicht, was du sprichst und was du tust.
Gyges.
Vergib's mir, Herr!
Kandaules. Ich schelte
dich ja nicht!
Das ist ein Rausch, wie der vom Duft der Reben,
Ein kühler Hauch des Morgens bläst ihn fort.
(Indem er geht.)
Ich hoff's zum mindesten und werd es sehn! (Ab.)
Gyges.
Warum gab ich den Ring zurück! Ich hätte
Verschwinden, nie mehr sichtbar werden sollen,
Dann könnt' ich ewig um sie sein, dann würd' ich
Sie sehen, wie sie nur die Götter sehn!
Denn irgend etwas sparen die sich auf:
Ein Reiz der Schönheit, den sie selbst nicht kennt,
Ein Blitzen in der tiefsten Einsamkeit,
Ein letzter, ganz geheimnisvoller Zauber,
Das ist für sie und wär' jetzt auch für mich!
Zwar würd' ich ihrer Rache nicht entgehn,
Wenn ich verstohlen aus dem Kelche nippte,
Der einzig für sie selber quillt und schäumt.
Es würde plötzlich in den Lüften klingen,
Und Helios, durch einen Flammenwink
Der zorn'gen Aphrodite angefeuert,
Den sichersten von all den sichren Pfeilen
Versenden, welche er im Köcher trägt.
Dann stürzt' ich hin, allein das täte nichts,
Denn im Verröcheln würde ich den Ring
Noch einmal drehen und zu ihren Füßen,
Mein Auge zu dem ihrigen erhebend
Und ihre Seele, wie die meine wiche,
Aus ihren Blicken durstig in mich saugend,
Verhaucht' ich meines Odems letzten Rest!