Rhodope.
So lebt noch jeder, welcher gestern lebte?

Kandaules.
Warum nicht?

Rhodope. Mancher frevelte vielleicht!

Kandaules.
Ich weiß von keinem!

Rhodope.
Und was führt dich her?

Kandaules.
Hätt' ich nach dieser Nacht kein Recht, zu kommen?
Warst du, wie sonst? Hast du mir nicht sogar,
Als säßest du, die Lilie in der Hand,
Noch unter dem Platanenbaum' wie einst,
Den einz'gen Kuß versagt, um den ich bat?

Rhodope.
Das wirst du mir noch danken!

Kandaules.
Aber fürchte
Dich nicht! Zwar trieb's mich zu dir, wie am Morgen
Nach unsrer Hochzeit, doch du brauchst mir nur
Zu winken, und ich gehe, wie ich kam!
Ja, schneller werde ich von hinnen eilen,
Als hätt' ich, um zu trinken, einer Quelle
Mich still genaht, und sähe, daß ihr eben
Die schüchterne Najade scheu entsteigt.

Rhodope.
Bleib!

Kandaules. Nein! Nicht eines Odemzuges Dauer,
Wenn es dich ängstigt! Und es ängstigt dich,
Ich fühl es wohl. Dies ist gewiß die Stunde,
In welcher du, wie du's so lieblich nennst,
Dich innerlich besiehst!, Die will ich nicht
Entheiligen. Und hätt' auch Aphrodite,
Holdselig lächelnd diesem frühen Gang,
Den gold'nen Gürtel, den sie nie verschenkt
Und kaum verleiht, mir für dich zugeworfen:
Ich käm' ein ander Mal und reicht' ihn dir!