Rhodope.
Halt ein! Das klingt zu süß und macht mir bang,
Denn meine Amme sagte: wenn der Mann
Sich allzu zärtlich seinem Weibe nähert,
So hat er im Geheimen sie gekränkt!
Kandaules.
Das trifft mich auch! Ich habe dich gekränkt!
Ich weiß ja, wie du bist, ich weiß ja auch,
Daß du nicht anders kannst; dein Vater thront,
Wo indische und griech'sche Art sich mischen,
Dein Schleier ist ein Teil von deinem Selbst.
Und dennoch zerr und zupf ich stets an ihm
Und hätt' ihn gestern gern dir abgerissen!
Nun, das bereu ich, und ich schwöre dir—
Dies trieb mich her!—es soll nicht mehr geschehn!
Rhodope (lacht).
Kandaules.
Denn nie noch sehnte ich mich so, wie heut,
Nicht bloß das Leid, das tief ins Mark sich gräbt
Und Narben hinterläßt, dir fernzuhalten,
Nein, auch den kleinsten Schatten, welcher dir
Die Seele trüben könnte, zu verscheuchen,
Und würf' ich einen solchen Schatten selbst!
Dich hüten will ich, wie die treue Wimper
Dein Auge hütet: nicht dem Sandkorn bloß
Verschließt sie sich, auch einem Sonnenstrahl,
Wenn er zu heiß ist und zu plötzlich kommt.
Rhodope.
Zu spät! Zu spät!
Kandaules. Was wär' zu spät, mein Weib?
Rhodope.
Ich—Nein, ich sag's ihm nicht, ich kann's nicht sagen,
Er mag's erraten, und wenn er's errät,
So knie ich stumm und lautlos vor ihm nieder
Und deute auf sein Schwert und meine Brust!
Kandaules.
Hat dich ein Traum erschreckt?
Rhodope.
Ein Traum? O nein,
Für mich war keiner übrig, einer Warnung
War ich nicht wert! Der Stein, der schmetternd fällt,
Hat seinen Schatten, daß der Mensch ihn merke,
Das rasche Schwert den Blitz, doch was mich traf—
Kandaules, sprich, ich sehe, du willst fragen,
So frage endlich!
Kandaules. Ich? Nun ja doch, ja!
Am liebsten deine Hand!