Kandaules.
Was willst du sagen, Greis?
Thoas.
Dein Vater hatte
Mich immer um sich, einerlei, ob er
Zum Schmausen ging, ob er zu Felde zog,
Ich durfte ihm nicht fehlen, heute reicht' ich
Den Becher ihm und morgen Schild und Speer.
Auch ordnete ich ihm den Scheiterhaufen
Und sammelte mit meinen steifen Fingern
Die weiße Asche in den braunen Krug.
Er hatt' es so bestellt. Warum denn wohl?
Kandaules.
Die Traube wird schon rot.
Thoas.
Du bist ihm ähnlich,
Vielleicht—ich sah dich nie das Schwert noch ziehn,
Er zog es oft und gern, zuweilen auch
Ganz ohne Grund, ich geb es zu, jawohl,
Und doch war's gut,—vielleicht gar völlig gleich.
Drum wünscht' ich dir sein Los.
Kandaules.
Ist das nicht mein?
Thoas.
Wer weiß! Das Ende rechn' ich mit dazu.
Vergib mir, Herr! Ich bin kein hurt'ger Kopf,
Begreife schwer, hab niemals was erdacht,
Und wer mich dumm nennt, schimpft mich darum nicht.
Doch wackre Männer kamen schon zu mir
Und fragten mich um Rat, und als ich stutzte,
Da sagten sie: der schlichtste alte Mann,
Der siebzig Jahre zählt und seine Sinne
Behielt, versteht von manchen Dingen mehr,
Als selbst der Klügste, der noch Jüngling ist.
Nun, meine Sinne, denk ich, hab ich noch:
So hör auf mich.
Kandaules. Ich tu es ja.
Thoas.
Und quäle
Mich nicht um Gründe, glaube nicht, daß ich
Gleich Unrecht habe, wenn ich auch verstumme,
Weil ein Warum von soundso viel Drachmen
Mir fehlt, wenn du mein Wort zu wägen denkst.
Du kannst ja auch die Vögel, die nicht fliegen,
Wie dir's gefällt, wenn sie dein Seher fragt,
Durch einen einz'gen Schuß von deinem Bogen
Zerstreun, und mancher hat's im Zorn getan.
Doch kommt das Unglück darum weniger,
Das sie verkündeten? So sprich denn nicht:
Was willst du? Er ist tapfer, brav und treu!
Ich weiß es selbst und will's sogar beschwören,
Allein ich warne dich nur um so mehr:
Nimm dich in acht vor Gyges!
Kandaules (lacht).
Thoas.
Dacht' ich's doch!
Ich sag's dir noch einmal: nimm dich in acht!
Versteh mich aber recht. Ich sage auch:
Er wird dir nimmer nach der Krone greifen,
Er wird dich mit dem letzten Tropfen Bluts
Verteidigen, und dennoch ist er dir
Gefährlicher, als alle, die sich gestern
Mit Blicken oder Worten gegen dich
Verschworen haben! Ei, die tun dir nichts,
Wenn er nur nicht mehr da ist! Darum schaffe
Ihn fort, sobald du kannst. Denn, wenn er bleibt
Und mit den Kränzen, die er sich errang,
Noch länger so herumgeht unter ihnen,
Kann viel geschehn.