Gyges.
Aus einem Grabe,
Aus einem Grabe in Thessalien!

Kandaules.
Du hast ein Grab erbrochen und entweiht?

Gyges.
Nein, König, nein! Erbrochen fand ich's vor!
Ich kroch nur bloß hinein, um mich vor Räubern
Zu bergen, die in großer überzahl
Mir auf der Fährte waren und mich hetzten,
Als ich in abenteuerlichem Triebe
Das öde Waldgebirge jüngst durchstrich.
Die Aschenkrüge waren umgestoßen,
Die Scherben lagen traurig durcheinander,
Und in dem falben Strahl der Abendsonne,
Der durch die Ritzen des Gemäuers drang,
Sah ich ein Wölkchen blassen Staubes schweben,
Das vor mir aufstieg, als der letzte Rest
Der Toten, und so seltsam mich bewegte,
Daß ich, um meinesgleichen, meine Väter
Vielleicht, nicht unwillkürlich einzuatmen,
Den Odem lange anhielt in der Brust.

Kandaules.
Nun? Und die Räuber?

Gyges.
Hatten meine Spur
Verloren, wie's mir schien, denn fern und ferner
Verhallten ihre Stimmen, und ich glaubte
Mich schon gesichert, wenn ich auch noch nicht
Mein dämmriges Asyl verließ. Als ich
Nun so auf meinen Knieen kauerte,
Erblickte ich auf einmal diesen Ring,
Der aus dem wüsten Trümmerhaufen mir
Mit seinem Stein, wie ein Lebendiges,
Fast an ein scharfes Schlangen-Auge mahnend,
Entgegenfunkelte. Ich hob ihn auf,
Ich blies die Asche von ihm ab, ich sprach:
"Wer trug dich einst am längst zerstäubten Finger?"
Und, um zu sehen, ob's ein Mann gewesen,
Steckt' ich ihn an. Doch das war kaum geschehn,
So schrie man draußen: "Halt! dort muß er sein!
Siehst du das Grab? Heran, heran, Gefährten,
Wir haben ihn!" und rasch erschien der Trupp.
Ich aber, um nicht wehrlos, wie ein Tier,
Das man in eine Höhle trieb, geschlachtet
Zu werden, sprang hervor und stürzte ihnen
Entgegen, hoch in meiner Hand das Schwert.
Die Sonne war dem Untergange nah
Und strahlte, wie die Kerze, welche bald
Erlöschen soll, noch einmal doppelt hell.
Doch sie, als wär' für sie allein die Nacht
Schon eingebrochen, stürmten, grimmig fluchend,
An mir vorbei und reihten sich ums Grab.
Das ward nun streng durchsucht, und als sie mich
Nicht fanden, höhnten sie: "Was tut's, er trug
Wohl auch nichts bei sich, als das trotz'ge Auge,
Das uns mit seinem kecken Blick so reizte,
Und dieses bläst ihm schon ein andrer aus!"
Nun abermals, doch langsam und verdrießlich,
Ja, spähend, und mir selbst ins Antlitz stierend,
An mir vorbei und wieder nicht gesehn!

Kandaules.
Da dachtest du—

Gyges.
Nicht an den Ring! Noch nicht!
Ich glaubte, daß ein Gott mich durch ein Wunder
Gerettet, auf die Kniee warf's mich nieder,
Und zu dem Unsichtbaren sprach ich so:
Ich weiß nicht, wer du bist, und wenn du mir
Dein Antlitz nicht enthüllst, so kann ich dir
Das Tier nicht opfern, das dir heilig ist,
Allein zum Zeichen, daß ich dankbar bin
Und nicht des Muts ermangle, bring ich dir
Den wildesten von diesen Räubern dar,
Dies schwör ich hier, wie schwer es immer sei.
Nun eilt' ich ihnen nach und mischte mich
In ihren Haufen, und ein Grauen faßte
Mich vor mir selbst, wie sie mich nicht allein
Gar nicht bemerkten, sondern durch mich hin,
Als wär' ich bloße Luft, zusammen sprachen,
Ja selbst das Brot sich reichten und den Wein.
Mein Blick umflorte sich und schweifend fiel
Er auf den Stein des Ringes, der mir rot
Und grell von meiner Hand entgegen sprühte
Und rastlos quellend, wallend, Perlen treibend
Und sie zerblasend, einem Auge glich,
Das ewig bricht in Blut, was ewig raucht.
Ich drehte ihn, aus Notwehr möcht' ich sagen,
Aus Angst, denn alle diese Perlen blitzten,
Als wären's Sterne, und mir ward zumut,
Als schaut' ich in den ew'gen Born des Lichts
Unmittelbar hinein, und würde blind
Vom übermaß, wie von der Harmonie
Der Sphären, wie es heißt, ein jeder taub.
Da aber fühlt' ich kräftig mich gepackt,
Und: "Was ist das? Ei, wer hielt ihn versteckt?,
Der Spaß ist gut!" erklang's um mich herum.
Zehn Fäuste griffen nun mir nach der Kehle,
Zehn andre rissen am Gewande mir,
Und, blieb die plumpste für den Ring nicht übrig,
So war ein schmählich Ende mir gewiß.
Doch plötzlich hieß es: "Ei, der ist nicht arm,
Das ist ein guter Fang, seht, blankes Gold,
Sogar ein Edelstein, nur her damit!"
Allein fast in demselben Odemzug
Erscholl's: "Ein Gott! Ein Gott ist unter uns!"
Und alle lagen mir zu Füßen da.

Kandaules.
Sie hatten, wie sie an dem Ring dir zerrten,
Ihn wieder umgedreht und schauderten,
Als du verschwandest, wie ein Wolkenbild.

Gyges.
So muß es sein. Ich aber drehte ihn,
Jetzt endlich eingeweiht in sein Geheimnis,
Stolz und verwegen noch einmal und rief:
Ein Gott, jawohl, und jeder büßt mir nun!
Dann drang ich auf sie ein, und sie, entsetzt,
Als hätte ich den Donner in den Händen
Und tausend neue Tode mir zur Seite,
Behielten kaum zur Flucht noch Mut und Kraft.
Doch ich verfolgte sie, als müßte ich
Für die Erinnyen den Dienst versehen,
Und nicht ein einziger kam mir davon!
Dann wollt' ich mit dem Ring zurück zum Grabe,
Allein obgleich ich mir mit blut'gen Leichen
Den Weg bezeichnet hatte: nicht am Abend
Und nicht des Morgens ließ es sich mehr finden,
Und wider meinen Willen blieb er mein.

Kandaules.
Das ist ein Schatz, wie keiner!