Ein Diener tritt ein; ihm folgt Salome.
Salome (zum Diener).
Ward's dir untersagt,
Hier ungemeldet jemand einzulassen?
Ich nehm's auf mich!
Joseph.
Du, Salome?
Salome.
Wer sonst?
Kein böser Geist! Dein Weib! Dein armes Weib,
Um das du warbst, wie Jakob warb um Rahel,
Und das du nun—(Zu Mariamne.) Verfluchte, war es dir
Noch nicht genug, daß du das Herz des Bruders
Mir abgewendet hast? Mußt du mir jetzt
Auch den Gemahl noch rauben? Tag und Nacht
Denkt er an dich, als wärest du schon Witwe,
Und ich noch weniger, als das! Bei Tage
Folgt er auf Schritt und Tritt dir nach! Bei Nacht
Träumt er von dir, nennt ängstlich deinen Namen,
Fährt aus dem Schlummer auf—(Zu Joseph.) Hielt ich's dir nicht
Noch diesen Morgen vor? Und heut sogar,
Wo ganz Jerusalem in Aufruhr ist,
Heut ist er nicht bei mir, nicht auf dem Markt,
Wo ich, weil er nicht kam, ihn suchen ließ,
Er ist bei dir, und ihr—ihr seid allein!
Mariamne.
Die ist es sicher nicht! So ist er's selbst!
Wenn noch ein Zweifel übrigblieb, so hat
Die blöde Eifersucht ihn jetzt erstickt!—
Ich war ihm nur ein Ding und weiter nichts!
Joseph (zu Salome).
Ich schwör dir—
Salome.
Daß ich blind bin?
Nein! Ich sehe!
Mariamne.
Der Sterbende, der seinen Feigenbaum
Abhauen ließe, weil er seine Früchte
Nach seinem Tode keinem andern gönnte,
Der Sterbende wär' ruchlos, und er hätte
Den Baum vielleicht doch selbst gepflanzt und wüßte,
Daß er den Dieb, daß er sogar den Mörder
Erquicken müßte, der ihn schüttelte.
Bei mir fällt beides weg! Und doch! Und doch!
Das ist ein Frevel, wie's noch keinen gab.
Salome (zu Joseph).
Du sprichst umsonst! Ein Auftrag! Welch ein Auftrag?
Mariamne.
Ein Auftrag! Dies das Siegel!—Wär' es möglich,
Jetzt müßt' es doch am ersten möglich sein!
Allein es ist nicht möglich! Keine Regung
Unedler Art befleckt mein Innerstes,
Wie es auch stürmt in meiner Brust! Ich würde
Antonius in diesem Augenblick
Dieselbe Antwort geben, die ich ihm
An unsrem Hochzeitstag gegeben hätte,
Das fühl ich, darum trifft's mich, wie's mich trifft,
Sonst müßte ich's ertragen, ja verzeihn!