Titus.
Ich staune, daß ein Weib mich lehren soll,
Wie ich als Mann dereinst zu sterben habe!
Ja, Königin, unheimlich ist dein Tun
Und, ich verhehl's nicht, selbst dein Wesen mir,
Allein ich muß den Heldensinn verehren,
Der dich vom Leben scheiden läßt, als schiene
Die schöne Welt dir auf dem letzten Gang
Nicht einmal mehr des flücht'gen Umblicks wert,
Und dieser Mut versöhnt mich fast mit dir!

Mariamne.
Es ist kein Mut!

Titus.
Zwar hat man mir gesagt
Daß eure finstern Pharisäer lehren,
Im Tode geh' das Leben erst recht an,
Und daß, wer ihnen glaubt, die Welt verachtet,
In welcher nur die Sonne ewig leuchtet
Und alles übrige in Nacht verlischt!

Mariamne.
Ich hörte nie auf sie und glaub es nicht!
O nein, ich weiß, wovon ich scheiden soll!

Titus.
Dann stehst du da, wie Cäsar selber kaum,
Als ihm von Brutus' Hand der Dolchstoß kam,
Denn er, zu stolz, um seinen Schmerz zu zeigen,
Und doch nicht stark genug, ihn zu ersticken,
Verhüllte fallend sich das Angesicht;
Du aber hältst ihn in der Brust zurück!

Mariamne.
Nicht mehr! Nicht mehr! Es ist nicht, wie du denkst!
Ich fühle keinen Schmerz mehr, denn zum Schmerz
Gehört noch Leben, und das Leben ist
In mir erloschen, ich bin längst nur noch
Ein Mittelding vom Menschen und vom Schatten
Und faß es kaum, daß ich noch sterben kann.
Vernimm jetzt, was ich dir vertrauen will,
Doch erst gelobe mir als Mann und Römer,
Daß du's verschweigst, bis ich hinunter bin,
Und daß du mich geleitest, wenn ich geh.
Du zögerst? Fodre ich zuviel von dir?
Es ist des Strauchelns wegen nicht! Und ob
Du später reden, ob du schweigen willst,
Entscheide selbst. Ich binde dich in nichts
Und halte meinen Wunsch sogar zurück.
Dich aber hab ich darum auserwählt,
Weil du schon immer, wie ein eh'rnes Bild
In eine Feuersbrunst, gelassen-kalt
Hineingeschaut in unsre Hölle hast.
Dir muß man glauben, wenn du Zeugnis gibst,
Wir sind für dich ein anderes Geschlecht,
An das kein Band dich knüpft, du sprichst von uns,
Wie wir von fremden Pflanzen und von Steinen,
Parteilos, ohne Liebe, ohne Haß!

Titus.
Du gehst zu weit!

Mariamne.
Verweigerst du mir jetzt,
Zu starr, dein Wort, so nehm ich mein Geheimnis
Mit mir ins Grab und muß den letzten Trost
Entbehren, den, daß eines Menschen Brust
Mein Bild doch rein und unbefleckt bewahrt,
Und daß er, wenn der Haß sein ärgstes wagt,
Den Schleier, der es deckt, aus Pflichtgefühl
Und Ehrfurcht vor der Wahrheit heben kann!

Titus.
Wohl! Ich gelob es dir!

Mariamne.
So wisse denn,
Daß ich Herodes zwar betrog, doch anders,
Ganz anders, als er wähnt! Ich war ihm treu,
Wie er sich selbst. Was schmäh ich mich? Viel treuer,
Er ist ja längst ein andrer, als er war.
Soll ich das erst beteuern? Eher noch
Entschließ ich mich, zu schwören, daß ich Augen
Und Händ' und Füße habe. Diese könnt' ich
Verlieren, und ich wär' noch, was ich bin,
Doch Herz und Seele nicht!